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1.2 Versorgungsdruck: Demografie, Pflegebedarf und Fachkräfte

Das deutsche Gesundheitswesen steht unter mehreren gleichzeitig wirkenden Belastungen. Der Begriff Versorgungsdruck beschreibt dabei keine einzelne Kennzahl, sondern das Zusammenwirken demografischer, epidemiologischer, personeller, organisatorischer und wirtschaftlicher Entwicklungen.

Ein wesentlicher Faktor ist der demografische Wandel. Nach der Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes könnte bereits 2035 rund ein Viertel der Bevölkerung Deutschlands 67 Jahre oder älter sein. Eine solche Vorausberechnung ist jedoch keine sichere Vorhersage. Sie zeigt, wie sich die Bevölkerung unter bestimmten Annahmen entwickeln könnte.

Für die Digitalisierung bedeutet dies: Die Alterung der Gesellschaft ist ein wichtiger Planungsfaktor. Sie beweist aber nicht, dass eine bestimmte App, ein Telemedizinangebot oder ein KI-System automatisch sinnvoll ist.

Auch Pflegebedarf und Personalentwicklung müssen differenziert betrachtet werden. Ende 2023 waren rund 5,7 Millionen Menschen im Sinne des SGB XI pflegebedürftig. Ein großer Teil dieser Menschen wurde zu Hause versorgt.

Das Statistische Bundesamt hat zudem modelliert, dass der Bedarf an Pflegekräften von etwa 1,62 Millionen im Jahr 2019 auf ungefähr 2,15 Millionen im Jahr 2049 steigen könnte. Abhängig davon, wie sich das Arbeitskräfteangebot entwickelt, könnte sich daraus eine rechnerische Lücke von etwa 280.000 bis 690.000 Pflegekräften ergeben.

Auch hier handelt es sich um modellbasierte Szenarien und nicht um sichere Vorhersagen.

Beim häufig verwendeten Begriff „Fachkräftemangel“ muss ebenfalls genauer hingesehen werden. Mindestens vier unterschiedliche Situationen lassen sich unterscheiden:

  • Es gibt insgesamt zu wenige qualifizierte Personen.
  • Fachkräfte sind regional ungleich verteilt.
  • Vorhandene Qualifikationen passen nicht ausreichend zu bestimmten Aufgaben.
  • Hochqualifizierte Fachkräfte verbringen Zeit mit Tätigkeiten, die organisatorisch anders verteilt oder technisch unterstützt werden könnten.

Diese Probleme verlangen unterschiedliche Lösungen. Eine Terminsoftware schafft beispielsweise keine zusätzliche ärztliche Behandlungskapazität. Eine Dokumentationsassistenz kann Schreibarbeit reduzieren, erzeugt möglicherweise aber zusätzliche Prüf- und Korrekturarbeit.

Digitalisierung kann Fachkräfte unterstützen. Sie ersetzt jedoch weder Personalpolitik noch Organisationsentwicklung oder Strukturreformen.

Für Digitalisierungsprojekte lautet die entscheidende Frage deshalb nicht nur: Wie viel Personal fehlt? Wichtig ist vielmehr:

Welche Qualifikation fehlt wo, wann und für welche konkrete Aufgabe – und welche Folgen entstehen daraus für die Versorgung?