Selbstführung ist die Lösung für (fast) alles.
Große Klappe, ich weiß.
Natürlich sorgt Selbstführung nicht dafür, dass niemand dich verlässt, dein Kind nie wieder ausrastet, Beziehungen nicht scheitern, immer genug Geld auf deinem Konto liegt oder das Leben aufhört, dir ziemlich beschissene Tage vor die Füße zu werfen. Das wäre schön. Ist aber nicht so.
Selbstführung verändert nicht alles, was dir begegnet. Sie verändert die Person, die all dem begegnet: DICH.
Ich habe dieses Buch nicht geschrieben, weil ich mein Leben immer besonders gut im Griff hatte. Ganz im Gegenteil. Der Same dafür entstand in den Momenten, in denen ich selbst am Boden lag. Als ich mich für einen Menschen selbst aufgegeben hatte, als ich auf einem Parkplatz an meinem Auto zusammenbrach, in Krisen, in Ohnmacht und in diesen wunderbaren Momenten, in denen das Leben dir freundlich mitteilt: So, meine Liebe. Jetzt gucken wir uns den ganzen Scheiß mal an.
Irgendwann habe ich verstanden, dass es nicht darum geht, dass uns nichts mehr erschüttert. Es geht darum, dass wir uns selbst nicht mehr verlassen, wenn es das tut.
Warum verlieren wir uns so schnell in anderen Menschen? Warum halten wir Beziehungen fest, obwohl wir längst spüren, dass sie uns nicht guttun? Warum retten, kontrollieren, leisten und funktionieren wir? Warum reicht manchmal eine nicht beantwortete Nachricht und unser gesamtes inneres System veranstaltet einen Weltuntergang?
Und warum wissen wir manchmal verdammt genau, was wir wollen – und tun trotzdem das Gegenteil?
Wir gehen dafür zurück zu den Wurzeln deiner Selbstführung: in deine Kindheit, zu Bindung und Co-Regulation, zu deinem Nervensystem und zu den Strategien, mit denen du irgendwann gelernt hast, Sicherheit herzustellen. Wir schauen auf Kompensation, Verantwortung, Gefühle, Kommunikation und Grenzen. Auf Mutterwunde und Vaterwunde. Auf Beziehungen, Nähe und die Frage, warum wir uns manchmal selbst verlassen, nur damit ein anderer Mensch bleibt.
Denn Selbstführung passiert nicht nur im Kopf.
Dieses Buch verbindet Wissenschaft und Nervensystem mit persönlichen Erfahrungen, echten Geschichten, Übungen und ziemlich unbequemen Fragen. Es ist keine Denk-positiv-Spiri-Abhandlung und auch keine neue To-do-Liste mit 38 Dingen, die du noch an dir „heilen“ musst, bevor du endlich ein vernünftiger Mensch bist.
Du bist kein Projekt, das irgendwann fertig werden muss.
Du darfst Angst haben, heulen, wütend werden und jemanden brauchen. Selbstführung bedeutet nicht, unantastbar zu werden. Es bedeutet, dich selbst nicht mehr zu verlassen, wenn das Leben dich erschüttert.
Und irgendwann entsteht etwas, das ich unantastbar weich nenne. Nicht hart, nicht kalt und ganz sicher nicht „Ich brauche niemanden“, sondern weich und gleichzeitig verwurzelt.
Du kannst lieben, ohne dich aufzugeben. Grenzen setzen, ohne Mauern zu bauen. Menschen brauchen, ohne ihnen die Verantwortung für dein Leben zu übergeben.
Und zwischen dem, was dir passiert, und dem, was du daraus machst, entsteht wieder ein kleiner Raum. Dieser Zwischenraum ist der Ort, an dem du nicht mehr automatisch reagieren musst. Dort liegt deine Wahl. Dort beginnt Selbstführung.
Dieses Buch wird dich nicht retten. Es stellt dich so hin, dass du nicht mehr umfällst.
Ich reiche dir das Zepter. Was du damit machst, entscheidest du.
In diesem Buch erfährst du unter anderem:
- was Selbstführung wirklich bedeutet – und warum sie etwas anderes ist als Selbstkontrolle
- wie Kindheit, Bindung und Co-Regulation deine heutige Selbstführung prägen
- wie dein Nervensystem deine Reaktionen beeinflusst
- warum Kompensation, Anpassung, Kontrolle und Retten einmal sinnvolle Sicherheitsstrategien waren
- wie du Verantwortung übernimmst, ohne dich selbst dafür zu bestrafen
- wie du Gefühle halten und klare Grenzen setzen kannst
- warum du Menschen brauchen darfst, ohne dich von ihnen abhängig zu machen
- wie Mutter- und Vaterwunde Beziehungen, Bindungsmuster und Anziehung beeinflussen können
- wie du dich in Beziehungen nicht mehr selbst verlassen musst, damit jemand anderes bleibt
- wie zwischen Reiz, Gefühl und Handlung ein Zwischenraum entsteht, in dem du wieder wählen kannst
- und wie aus all diesem Verstehen gelebte Selbstführung wird.