Text-Feedback - Einheit 1
BONUS-EINHEIT 1
Text-Feedback auf  drei Geschichten (Einheit 1)
In diesem Video bespreche ich mit Teilnehmerinnen des Kurses drei sehr unterschiedliche Texte. Du lernst drei ganz verschiedene Arten zu erzählen kennen: zuerst lesen wir eine leise Momentaufnahme aus der Stadt Paris, dann das Märchen von einem Marienkäferkind und zuletzt eine atmosphärische Dorferzählung. In der Besprechung ging es weniger um die Frage, was „richtig oder falsch“ ist, sondern mehr um die Frage: Was wirkt? Und warum? Mit kleinen Eingriffen legen wir viel Zauber frei und holen den Kern der Geschichten ans Licht. 

HINWEIS: Das Video startet bei der Besprechung der ersten Geschichte - lies die Geschichte bitte voher. Die Texte aller drei Geschichten findest Du unter dem Video. 
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Themen im Video (mit Zeitstempeln)

00:00 Feedback zu Geschichte 1: „Laura in der Straßenbahn“

  • 00:17: Wir schenken Gefühle als Feedback auf die Geschichte
  • 02:08: Die Grobstruktur der Geschichte 
  • 03:30: Analyse: Die emotionale Kurve (Auf und Ab bis zur sanften Auflösung)
  • 05:26: Wir betiteln die Absätze in der Geschichte und prüfen, ob alle nötig sind. 
  • 10:22: Das Prinzip Show, don’t tell“ anschaulich erklärt -  Anwendung auf eine Szene der Geschichte 
  • 15:20: Wo beginnt die Geschichte eigentlich? Analyse der Plot-Points. Prinzip "come late, leave early"

28:34: Geschichte 2: „Knaxi sucht das Abenteuer“ (Kindergeschichte) 

  • 35:41: Leit-Themen in Kindergeschichten erkennen (Geborgenheit ↔ Neugier/Risiko; Rettung → Selbstwirksamkeit)
  • 38:45: Zwei Erlebnisse/verschiedene Tage in einer Kurzgeschichte - geht das? 
  • 40:52: Diskussion über Straffen/Streichen einer Stelle im Text 
  • 41:00: Erzählstimme: warmes „Tell“ mit gezielten „Show“-Inseln
  • 44:11: Kreisstruktur (Schluss spiegelt Anfang) — bewusst platzieren, damit es nicht wie ein Fehler wirkt. 
  • 47:20: Pixi-Buch-Denken (12 Doppelseiten) als Formprobe — was bleibt, was fällt automatisch raus?
  • 52:11: Namenswahl („Knaxi“ weckt Frosch-Assoziation) — ggf. präziser/ikonischer benennen

56:18: Geschichte 3: „Schuster Gustl“

  • 01:07:56: Warum die Geschichte berührt: Liebe ohne Kitsch 
  • 01:11:28: Leserbindung - Testfrage: „Wo würdet ihr das Telefon klingeln lassen?“ 
  • 01:16:18: Der richtige Startpunkt für die Geschichte - Konsequenzen für Auswahl/Reihenfolge der Anfangsabsätze
  • 01:22:25: Kürzungs-Spiel live (Faustregel: auf 2/3 bzw. −1/3; Demo-Absatz)
  • 01:24:32: Arbeit mit Bildern/Metaphern im Text
  • 01:32:18: Struktur-Check nach dem Plot-Modell „Save the Cat“
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Diese Geschichten haben wir besprochen: 

(1) LAURA IN DER STRASSENBAHN
Andrea Schumann

Laura sitzt in der Strassenbahn Richtung Innenstadt. Es ist 10 Uhr morgens und dennoch ist die Bahn gut besucht. „Warum sind die nicht alle arbeiten?“ denkt sie sich. 

Heute ist Montag und Lauras freier Tag. Sie arbeitet als Kellnerin in einem „Salon de thé“ und der ist montags immer geschlossen. Sowie die Banken, die haben montags auch nicht geöffnet. Ihr Freund ist arbeiten und allein wollte sie ihren freien Tag in der kleinen gemeinsamen Wohnung nicht verbringen. Also entschied sie sich spontan in die Stadt zu fahren, um etwas zu Bummeln. 

Aber jetzt, wo sie in der vollen Strassenbahn zwischen den müffelnden Menschen sitzt, bekommt sie Zweifel an ihrer spontanen Entscheidung. Etwas Ruhe wäre auch nicht schlecht. Immerhin hat sie auf Arbeit schon so viele Menschen um sich. „Aber im Salon riechen sie nicht nach nassem Hund“ stellt sie fest. 

Das Ruckeln der Strassenbahn holt sie aus ihren Gedanken und sie sieht, dass sie in der Innenstadt angekommen ist. Als sie aussteigt, setzt ein Regenschauer ein. „Wie passend“ murmelt sie vor sich hin „das Wetter weiss auch nicht, was es will“. 

Wie gut, dass die Haltestelle genau vor einem kleinen Café ist und welch ein Glück, es ist nicht geschlossen. Sie hastet hinein und findet einen freien Tisch nahe am Fenster und hängt ihre nasse Jake über den flauschigen Sessel. Sie schaut sich im Café um; „gemütlich hier“ stellt sie fest. 

Die Regale und Wände sind mit alten Kaffeetassen und -kannen dekoriert. Solche aus Keramik, die man nur noch vereinzelt auf den Flohmärkten findet. Eine Kaffeekanne sieht der Kanne von ihren Eltern ähnlich. Ein kurzer Schmerz des Heimwehs durchzuckt sie. 

Eine Kellnerin kommt zu ihr und sie bestellt einen grossen Milchcafé mit Karamell. Sie schaut der Kellnerin hinterher, wie sie sich leicht tänzelnd mit ihren kleinen Bestellblock Richtung Theke entfernt. 
Beim Hinterherschauen bemerkt Laura zwei Frauen an einem kleinen Tisch. Unauffällig schaut sie zu den beiden hinüber und beobachtet sie ein wenig. Sie glaubt, dass es sich um eine Mutter mit ihrer Tochter handeln muss. Es scheint so, als hätten die beiden einen Tochter-Mutter-Tag, denn sie überlegen sich unbeschwert und lachend eine Shoppingstrategie bei dem Regenwetter. 

Wie schön; ein Mutter-Tochter-Tag. Was ganz Normales. Eine Mutter, die mit ihrer Tochter einen Kaffee trinkt, plaudert und lacht. 

Und in diesem Moment wird Laura klar, dass sie diese Momente mit ihrer Mutter nicht genug geschätzt hat. Selbstverständlich war es für sie. Wenn sie jetzt mit ihrer Mama einen Kaffee trinken möchte, muss sie erstmal einen Flug buchen. Das gesparte Shoppinggeld würde nicht einmal für das Flugticket reichen, stellt Laura frustriert fest. Was für die beiden Frauen in dem Café selbstverständlich ist, ist für Laura purer Luxus geworden. Das Gefühl von Neid und Frust steigt in Laura auf. „Ich kann nicht mal eben einen Kaffee mit meiner Mama trinken. Wissen die beiden eigentlich ihr Glück zu schätzen?“ fragt sich Laura still. 

Die Kellnerin mit Lauras Karamellcafé unterbricht sie in ihrer wehmütiger Stimmungsschwankung. Erst jetzt bemerkt sie, dass die Kellnerin mit einem spanischen Akzent spricht. „Hi, Willkommen im Boot“ möchte sie am liebsten sagen. Aber das macht sie natürlich nicht und nimmt lächelnd den Kaffee entgegen. Warum du wohl hier bist? Austauschsemester von der Universität, um die Sprache besser zu lernen? Bist du auf Abenteuerreise und willst dir etwas Geld dazu verdienen? Oder hast du auch einen Landeswechsel hinter dir aus Liebe, so wie bei mir? Diese vielen Fragen schwirren Laura durch den Kopf. 

Laura ist jetzt fast ein Jahr in Frankreich und hat das Gefühl, dass sie jeden Tag auf das Neue mit der Sprache kämpfen muss. Es ist noch ein weiter Weg, bis sie die Sprachbarriere richtig durchbricht und sich wieder leicht und entspannt im Alltag bewegen darf. Immerhin geht sie jetzt nicht mehr in den Supermarkt und kauft überwiegend Konserven ein, weil sie die Bilder dem Inhalt der Büchse leichter zuordnen kann, da sie das Geschriebenen darauf nicht versteht. Auch das Wörterbuch bleibt jetzt öfter in der Tasche und kommt etwas weniger zum Einsatz. 

Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, als sie ihre Kaffeetasse zum Mund hebt. Immerhin war die Bestellung heute erfolgreich und sie hat das bekommen, was sie wollte, ihren Karamellkaffee und nicht nur ein Glas Milch wie bei ihrer allerersten Bestellung vor einem Jahr. Aber das ist eine andere Geschichte.


***
Frage: Ich würde gerne ein Feedback bekommen, wie sich die Geschichte liest. Es ist das erste Mal, dass ich etwas „zeige“, was ich geschrieben habe. Ich weiss nicht auf was ich alles achten muss, damit eine Geschichte einen „runden“ Ausdruck bekommt. 
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(2) KNAXI SUCHT DAS ABENTEUER
Hildegard Sillar-Worahnik

„Knaxi, komm ins Haus, das Essen ist fertig!“ 

Knaxi liebte die Stimme seiner Mutter, wenn sie ihn zum Essen rief. Er liebte sie, wenn sie ihn abends ins Bett brachte und ihm noch eine Geschichte erzählte und er in ihren Armen ins Träumeland hinübergleiten konnte.

Knaxi wuchs wohlbehütet in einer Marienkäferfamilie auf. Seine Eltern umsorgten ihn und seine sieben Geschwister mit Liebe. 

Sie wohnten in der Nähe eines Baches und die Wiese um ihr Haus war reich an bunten und schmackhaften Blütennektaren. 

Knaxi liebte es, sich nahe dem Wasser aufzuhalten. Das Murmeln und Glucksen des Wassers, wenn es sich den Weg über die Kieselsteine bahnte, das Plätschern des Wasserfalles ganz in der Nähe …. Knaxi genoss jede Minute am Bach und war am liebsten allein. Oft saß er auf den Steinen am Ufer und lauschte und beobachtete. 

Da bemerkte er eines Tages, dass er sich im Wasser spiegeln konnte. Er musste nur näher ran. Auf den nächsten Stein hüpfen und auf den nächsten - schon konnte er sein Gesichtchen im Wasser erkennen. Noch näher! 

Aber oh Schreck! Der nächste Stein, der schon zur Gänze im Wasser verschwand, war klitschig vom Moos. Knaxi rutschte aus und fiel und drohte zu ertrinken. Er schlug mit seinen Flügeln wie wild um sich, schluckte Wasser, bekam keine Luft und drohte zu ertrinken. 

Da im letzten Moment spürte er eine Hand, die ihn an seinen Beinchen fasste und herauszog. Es war sein Vater, der ihm rettend zu Hilfe kam. Knaxi war außer Atem und klammerte sich an dessen Hände. 

Der Vater bettete ihn auf das Blatt eines Frauenmantels und die Sonne trocknete Knaxis Flügel, die voll Wasser angesogen und schwer waren. Ein paar Seufzer noch und bald beruhigte sich Knaxis Atem wieder.
„Ach ja, Knaxi, da bist du nochmal glimpflich davongekommen. Wenn ich nicht auf Futtersuche in der Nähe gewesen wäre, dein Abenteuer hätte ein schlechtes Ende genommen.“ „Danke“, flüsterte Knaxi seinem Vater ins Ohr, der liebevoll an seiner Seite weilte.

Knaxi, das wusste sein Vater, war ein Verwegener, ein Abenteurer. Es war besser ihn immer im Auge zu behalten.

Dem Vater war bewusst, dass dem Kleinen das Abenteuer im Blut lag. War er doch selbst als Jugendlicher übermütig und immer auf Entdeckungsreise. Das schrecklichste Erlebnis, das ihm in Erinnerung geblieben ist, war der Kampf mit der Amsel. Im Frühjahr saß er gemütlich auf einer Löwenzahnblüte und blinzelte in die Mittagssonne. Diese blendete ihn so stark, dass er die drohende Gefahr nicht rechtzeitig erkennen konnte. Plötzlich verfinsterte sich der Himmel, er sah nur noch schwarz und hörte ein Jubelgekrächze. Ein Riesenvogel schwebte über ihm und streckte seinen offenen gierigen Schnabel nach ihm aus. Zum Glück war Knaxis Vater in Schnelligkeit geübt und konnte sich aufgrund seiner geringen Größe viel wendiger bewegen als so manch anderes Tier. So rollte er sich zur Seite, spreizte seine Flügel und huschte vom Löwenzahn. Die Amsel blickte ihm verdutzt nach, wäre dieser kleine bunte Käfer doch ein Leckerbissen gewesen.

Knaxi liebte die Freiheit über alles und so flog er auch schon mal weiter fort, als erlaubt und sein Vater musste ihn suchen. „Lass ihm mehr Freiheit!“ sagte die Käfermama zu ihrem Mann, „er wird schon lernen, sich im Leben zurechtzufinden. Wir haben ihn gut erzogen, jetzt soll er mal die Welt erforschen.“

Ja, Knaxi war ein Erforscher. Er schreckte vor nichts zurück und so passierte es eines Tages, dass er, angelockt vom leuchtenden Lila einer Distel, in ihrem Stachelkleid steckenblieb. „Auweh, auweh!“ schrie er voll Schmerzen. Wo ist denn jetzt mein Vater? „Papa! Papa! Bitte hilf mir!“ Er strampelte mit allen Sechsen und setzte seine Flügel ein. Seine Pünktchen begannen zu zittern und drohten abzufallen. 

Der mutige Käfer biss mit seinen Schneidezähnen der Distel einige Dornen ab, und schaffte es endlich, freizukommen. Ausgestreckt lag er erschöpft am Boden und leckte seine Wunden. Alle sieben Punkte waren noch auf seinem Rücken, nur ein Fühler war verbogen. Er hatte beim Kampf mit dieser stacheligen, unbarmherzigen Blume doch einiges abbekommen. 

Von Schmerzen geplagt schlich er nach Hause. Schuldbewusst blickte er seine Eltern an, wusste er doch, dass er wieder zu weit gegangen war. Seine Mutter versorgte seine Wunden mit einer Nektarsalbe, die schon manche Wunde an Knaxis Körper geheilt hatte. Die Kullertränen aus Knaxis Augen küsste die Mama liebevoll weg und sein Fühler wurde geradegebogen. Kein Wort des Vorwurfes kam über ihre Lippen.

Leise schlich er sich davon. Knaxi liebte es, sich nahe dem Wasser aufzuhalten. Das Murmeln und Glucksen des Wassers, wenn es sich den Weg über die Kieselsteine bahnte, das Plätschern des Wasserfalles ganz in der Nähe …. Knaxi genoss jede d.



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(3) SCHUSTER GUSTL
Kerstin Trixl

Es geschah an einem Mittwoch im November. Ein nebliger Tag. Schuster Gustl erhob sich aus den Federn, öffnete das Fenster und die Holzläden. Herbstfrische drang in seine Brust, schaffte sich Platz bis in den Bauch hinein. Von dort unten stieg ein Seufzer herauf. 

Gustls Blick wanderte in den Hof hinter seinem Häuschen am Dorfplatz. Er fiel auf den Apfelbaum. Da löste sich gerade ein Blatt vom Zweig, taumelte langsam auf den Boden. Schon längst hatte der Schuster die Äpfel in zwei Kisten im Erdkeller verstaut, denn vor Tagen zog schon das erste Mal der Frost um die Häuser. 

„Vielleicht kommt heute die Sonne hervor“, dachte er. Gustl erinnerte sich an den Frühling des Jahres, die vielen Blüten auf dem Baum, an das Zwitschern der Vögel und das Schwirren der Bienen im Sommer. Jeden Tag hatte er das Reifen der Früchte verfolgt. 
„Wie schön rot und saftig sie geworden sind“, ging ihm durch den Sinn. 

„Jetzt aber hurtig“, ermahnte sich Gustl. Er redete oft mit sich. Meist wohlwollend, manchmal in einem strengeren Ton, wie ein Vater mit dem Sohn, manchmal auch neckend. 

Die Selbstgespräche waren Gustls Art, sich gute Gesellschaft zu leisten. Der Mensch braucht Freunde, sonst vertrocknet er. Oder er verfault. 

„Jetzt aber wirklich hurtig“, wiederholte Gustl strenger. 

Zeit für das Frühstück. Es ging auf 8:00 Uhr zu, die Stunde, in der er wie an jedem Tag seine Werkstatt öffnete. Nur am Sonntag nicht. Der blieb frei. Außer manchmal, wenn die Schuhe sich im Regal stapelten, die löchrig gelaufen waren oder einen neuen Absatz brauchten. Dann redete sich Gustl sogar sonntags früh gut zu, sich zu richten für die Arbeit. 

„Erstmal in die Küche“, dachte der Schuster. Gustl ließ das Fenster der Schlafkammer noch offen. Das würde er später schließen, bevor er die kleine Wohnung im Obergeschoss verließ. Jetzt schlüpfte er aus dem Pyjama. Hui, kühl war die Herbstluft, da stellten sich die Haare zu einer Gänsehaut auf. Flott hinein in die Unterwäsche, das Flanellhemd, die Hose und die selbstgestrickten Socken von Erna, die zwei Häuser weiter wohnte. „Ach die Erna“, schmunzelte Gustl. 

Mit den Hauspatschen schlurfte er in die Küche, schürte im kleinen Holzofen ein, setzte den Wasserkessel auf für den Kaffee. In der Brotlade fand er noch einen trockenen Kanten, in der Speisekammer ein Stückchen Butter und einen Rest Blaubeermarmelade. Die liebte Gustl besonders. Sie schmeckte nach Sommer und nach Wandern auf die Alm. 

„Ob sich wohl diesen Sonntag ein freier Tag ausgehen wird?“, überlegte er, während er auf dem Brotkanten herumkaute. Er dachte kurz an die vielen Schuhe, die unten in der Werkstatt auf ihn warteten. Die Leute brauchten sie, die meisten besaßen nicht drei Paar davon.

Die Pendeluhr riss ihn aus den Gedanken, holte ihn zurück in die Küche. Sie schlug jetzt zur halben Stunde. Nur noch einen Apfel. Gustl nahm ihn vom Holzteller und schnitt ihn auf. Bevor er die Spalten aß, betrachtete er die Stübchen im Inneren des Kerngehäuses. Zwei Kerne schmiegten sich dicht aneinander. Wie vertraut mussten sie wohl miteinander sein?

Da wanderte Gustls Blick zu der Gitarre, die schon lange stumm an der Wand hing. Im nächsten Herbst stand sein Siebziger bevor. Vor gut vierzig Jahren, in der Blüte seines Lebens, da waren die Schmetterlinge wie im Apfelbaum im Wonnemonat Mai durch seinen Bauch geflattert. Für Rosi hatte er Lieder komponiert, auf der Gitarre gespielt, sich in ihr Herz gesungen. Musik war ihre innige Sprache gewesen, hatte ausgedrückt, wofür sie keine Worte fanden. Der Himmel stand damals offen. Rosi war seine große Liebe. Später erblickte die kleine Jule das Licht der Welt, Gustls Augenstern. Naja, ein Frechdachs konnte sie auch sein, wenn sie wieder in der Werkstatt seine Hämmer und Zangen stibitzte, um damit etwas für ihre Holzpuppe zu basteln. Einmal hatte sie eine ganze Dose Leim über die Werkbank geschüttet. Das gab einen Kladderadatsch. Sogar in einen Schuh rann der Kleber hinein. 

Doch das war lange her, so viele Jahre waren vergangen nach ihrem Tod. Aber in Momenten wie in diesem gerade wurden seine Lieben wieder lebendig und zum Berühren nah. 

„Ach dieser Husten, dieser entsetzliche Husten.“ Gustl stöhnte. Dann träumte er, wie schön es doch wäre, wenn die beiden mit ihm am Küchentisch säßen und er würde Apfelspalten verteilen. Ein letzter Schluck Kaffee wartete in der Tasse. Nun war es aber wirklich Zeit, die Werkstatt zu öffnen. 

Gustl erhob sich, verstaute Marmelade und Butter, putzte die Brotkrumen auf dem Holztisch zusammen und rückte den Stuhl ordentlich heran so wie jeden Morgen. Dann schloss er noch schnell das Fenster in der Schlafkammer und schon knarrten die Treppenstufen. Sie führten ihn hinunter ins Erdgeschoss. Die hintere Werkstatttür ächzte. Wann hatten die Scharniere eigentlich das letzte Mal einen Tropfen Öl bekommen? Irgendetwas blieb immer liegen. Als Gustl die Tür zur Straße hin aufschloss, stand Erna draußen. Ein Lächeln strahlte aus ihrem faltigen Gesicht. Dieses typische Ernaschmunzeln kannte Gustl. Er mochte die Nachbarin. 

„Guten Morgen Gustl, hast du endlich ausgeschlafen?“, meinte sie verschmitzt. 
„Ja gerade noch den Kaffee heruntergeschlürft und die Stulle gegessen. Hast du etwa schon wieder Arbeit für mich? Mein Regal ist schon so voll“. 
Erna grinste. „Nein, du alte Langschläfer. Am Morgen habe ich die angeschlagenen Äpfel von deinem Baum verarbeiten müssen, bevor sie verderben. Da bekam ich einen Sonntagskuchenappetit, auch wenn heute Mittwoch ist. Das Rezept mit den Streuseln magst du doch. Lass ihn dir schmecken. Und vergiss am Nachmittag nicht ein Päuschen einzulegen. Guten Appetit.“ 

Bei diesen Worten holte Erna einen reichlich gefüllten Teller unter einem Geschirrtuch hervor und überreichte ihn. Sogleich drehte sie sich auf dem Absatz um und machte sich auf den Heimweg. Gustl fehlten die Worte. 
„Danke“, stotterte er nur. Ein Kuchen mitten in der Woche. Das musste ein freundlicher Tag werden.

Gustl schmunzelte, bevor er sich an seine Arbeit machte. Als erstes nahm er die Schuhe der alten Frau Schantl zur Hand, sie hatte schon mal danach gefragt. Er ließ die Leute nur ungern warten. Aber jetzt musste er den Kopf schütteln, als er den Zustand der Treter musterte. Wie gern würde er der guten Frau einfach ein neues Paar anfertigen.

„So sind halt die Zeiten“, seufzte er, während er sein Kneipmesser ansetzte.
Im Nu gingen die Stunden dahin. Gustl mochte sein Handwerk, sein Großvater hatte es ihm beigebracht, ihm das Haus mit der Werkstatt vermacht. 
Plötzlich drang ein Kreischen vom Dorfplatz herein. 
„Diese Lauselümmel“, dachte der Schuster, während er aufsah. 
Darauf folgte so ein lautes Geschrei, dass ihm vor Schreck das Messer aus der Hand fiel. Gustl lief hinaus. Ein Mädchen lag auf dem Kopfsteinpflaster – völlig außer sich. Einen Beutel mit einem abgerissenen Henkel umklammerte es fest mit der Hand. Zwei Burschen rannten davon, verschwanden gerade hinter der Bäckerei am Eck. 
„Der Schuh, der Schuh, Mamas Schuh“.
Gustl wusste gar nicht, was er mit dem aufgelösten Kind anfangen sollte. Er legte vorsichtig eine Hand auf seinen Arm.
„Mamas Schuh“, schrie es erneut.
„Jetzt beruhige dich erst mal, Kleine. Komm mal auf.“
Gustl half dem Kind auf die Beine, es humpelte augenblicklich davon, suchte wohl etwas. Schließlich kam es mit einem Schuh zurück und Tränen rannen in Strömen über seine Wangen.

Erst in der Werkstatt versiegten sie. Der Schuster kannte das Mädchen flüchtig von der Straße. 
„Bist du nicht die Kleine von der Anna Schwabl?“
„Ja, das ist meine Mama.“
„Und wie heißt du?“
„Ich bin Lilly.“

 Und dann platzte aus dem Kind die ganze Geschichte heraus von den rotzfrechen Burschen aus dem Nachbardorf, von der kranken Mama, die es mit ihren kaputten Tretern zum Schuster geschickt hatte, von dem weggerissenen Beutel und dem Fußballspiel der Jungs mit Mamas Schuh, ausgerechnet mit Mamas Schuh, die sie doch wieder brauchte.
„Lass mal sehen“, meinte Gustl.
Lilly reichte ihm den einen, den sie von der Straße aufgelesen hatte, schmutzig sah er aus. Dann holte sie den zweiten dazu aus dem kaputten Beutel. 
„Das kriegen wir wieder hin. Aber weißt du was? Bevor ich mich an die Reparatur mache, stärken wir uns erstmal nach dem Schreck. Ich habe einen Apfelkuchen. Einverstanden?“ 
Ein liebevoller Blick fiel auf das Mädchen. Lilly lächelte ein wenig zurück. Da schloss der Schuster seine Werkstatt und die beiden gingen nach oben. 

Ernas Streuselkuchen schmeckte köstlich, fanden Gustl und Lilly. Während sie schmatzte, wurden ihre dunklen Mandelaugen ganz groß. Neugierig schaute sie sich in der Küche um, stellte Fragen, dass es dem Schuster ganz schwindelig wurde. 
„Gustl, was ist das da an der Wand? Ist das nicht eine Gitarre? In der Schule habe ich so ein Ding schon mal auf einem Bild in einem Buch gesehen.“
„Ja, das ist meine alte Gitarre.“ In seiner Antwort schwang wenig Begeisterung mit.
„Oh, eine echte Gitarre. Spielst du mir etwas vor?“
Da bekam er eine trockene Kehle, schluckte und stammelte: „Die hängt schon so lange da, klingt sicher fürchterlich. Ich müsste sie erst stimmen.“
„Dann mach es doch. Bitte … und spiel etwas.“
Gustl behauptete, er wüsste nicht, wo die Stimmgabel geblieben sei. Dabei kam ihm gleich das Bild in Erinnerung, wo er sie erst kürzlich wiederentdeckt hatte. Lilly ließ nicht locker, bis er sie aus der Kommode holte und die Gitarre von der Wand.

Ganz schlaff verbanden die Saiten ihre zwei Enden auf dem Instrument. Die beiden schwiegen, während Gustl Spannung erzeugte, indem er an den Wirbeln drehte. Sie bewegten sich widerwillig, gaben aber nach. Dann schlug er eine Saite an und ein Ton setzte sich auf die Stille. 
„Oh.“ Ein großes Staunen in der kleinen Küche.
So wie die Wirbel der Gitarre fühlten sich auch Gustls Finger schwerfällig an. Nach ein paar Tönen kam ihnen eine Erinnerung. Und da erschallte so etwas wie eine Melodie. Hatte sie etwa geduldig auf den Herbsttag heute gewartet? Erst zaghaft, dann immer forscher klang sie über den Küchentisch. Kuchen und Musik brachten Lillys Welt in Ordnung. Das Leuchten in ihren Augen sah zumindest danach aus. Mit ihrer unbändigen Neugier musste sie dem Instrument anschließend auch selbst ein paar Töne entlocken. Jahrzehnte hatte kein Kind an diesen Saiten gezupft. Gustls Welt stand Kopf, denn solche Lebendigkeit hatte sein Häuschen am Dorfplatz schon lange nicht mehr erfahren. 

Am Abend brannte das Licht in der Schusterwerkstatt. Frau Schantl sollte nicht noch einmal ohne ihre reparierten Schuhe nach Hause gehen. Und die von Lillys Mama drängten auch. Da gab es nämlich eine Verabredung mit einer kleinen Kundin für den nächsten Tag. Ein letzter Rest vom Streuselkuchen stand noch in der Speisekammer. Vor dem Schlafengehen musste Gustl die Gitarre nochmals zur Hand nehmen. Seit den Stunden beim Kleben und Fetten an der Werkbank schwirrten Worte und Töne durch seinen Kopf. 

„Zwei Apfelkerne, braun und fein,
die träumten einst vom Sonnenschein,
von Blüten, Bienen und dem Wind,
vom Wachsen wie ein Kind.“ 

„So oder so ähnlich könnte das Lied klingen.“ Jetzt spürte Gustl aber müde Augenlider. Spät war es geworden.

Als er im Bett lag und endlich einschlief, träumte er von Lillys Pausbacken, von Rosi, Jule und den Apfelbäumen bei ihnen oben im Paradiesgarten.


***

Meine Fragen sind: Was gut ist an meiner Geschichte ist, ob sie berührt und ob die vielen Details besser zu kürzen wären. Bei der Szene der Begegnung mit der Lily wollte ich dann das Tempo etwas steigern. Ist mir das gelungen?