Text-Feedback - Einheit 2
BONUS-EINHEIT 2
Text-Feedback auf  drei Geschichten (Einheit 2)
In dieser Einheit darfst du dich auf eine lebendige Fortsetzung unserer Geschichtenbesprechungen freuen. Wir tauchen noch tiefer in das Prinzip Show, don’t tell ein und entdecken, wie du Szenen so gestalten kannst, dass sie nicht nur erzählt, sondern erlebt werden. Anhand von drei sehr unterschiedlichen Texten schauen wir, wie Figuren lebendig werden, wie Gefühle spürbar werden, ohne sie zu benennen – und wie Sprache Tiefe und Bewegung gewinnt. Du wirst sehen: Jede Geschichte ist ein kleines Labor, in dem du etwas über dein eigenes Schreiben lernen kannst – über Rhythmus, Perspektive, Spannung und darüber, wie Worte leuchten, wenn sie nicht erklären, sondern zeigen.
Trennstrich LLM <3
Themen im Video (mit Zeitstempeln)

00:16: Einleitung: Show, don’t tell – Wiederholung & Vertiefung
05:08: Show & Tell in verschiedenen Erzähltraditionen
06:50: Überleitung zur Praxis & Ankündigung der drei Geschichten
08:16: Lektoratstechnik: Arbeiten mit Buchformat und Absätzen
09:43: Zwei Bearbeitungsebenen beim Überarbeiten
11:24: Vorbereitung auf die Geschichte „Rasmus“ (Christiane)



Geschichte 1: Rasmus

13:13 Lesung: „Rasmus“ 
20:31: Resonanz und Feedbackrunde
24:11: Gespräch mit Christiane (Autorin)
29:49: Vertiefendes Feedback von Barbara
37:40: Analyse der Geschichte „Rasmus“: Beispielhafte Darstellung von Gefühlen über Körper, Handlung, Wahrnehmung; Drei Formen von „Tod“ in Geschichten: physisch, psychologisch, sozial
46:01: Technische Hinweise: Perspektivwechsel vermeiden (nicht zwischen alter Mann und Junge springen), Einheitlicher Fokus auf Hauptfigur

Geschichte 2: „Ruma“

49:20: Lesung der Geschichte
54:00 Feedback auf die Geschichte: Wechsel von Perspektiven (Roma – Halldor), Logische Brüche prüfen (z. B. doppelte Treppe); Stil: „plastischer Märchenstil“ – darf feierlich klingen, aber klar bleiben, Spannung durch konsequente Logik und sinnvolle Kapitelübergänge
1:14:00: Rechtliches & Urheberrecht (Mythen, Sagen)

Geschichte 3: 3.018m über dem Meer 

1:18:00: Lesung der Geschichte
1:31:18 Analyse & Überarbeitungsideen: Viele Rufzeichen (64 !) → ersetzen durch Punkte; Geschichte braucht stärkere Handlungsebene (nicht nur Gedanken) - Vorschlag: symbolische Geste am Ende (z. B. Eintrag ins Gipfelbuch, Taschentuch, Schnee); Themen ordnen: Italien = Leichtigkeit, Österreich = Schwere, Berg = Übergang; Klarheit: Was legt die Protagonistin wirklich ab?; Erlaubnis, Text länger zu machen, um Tiefe zu entwickeln

1:54:02: Abschlussdiskussion & Fazit
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Diese Geschichten haben wir besprochen: 

(1) RASMUS
Christiane Amendt

Der Junge

„Rasmus!“ Er horchte auf. Der Junge war da. Nun musste er sein Versprechen einlösen. 

Ob es richtig war? Wer wusste das schon. Der Alte seufzte und zuckte kaum merklich die Achseln. Drei Wochen zuvor war es ihm wie eine gute Idee vorgekommen. Jetzt hätte er viel dafür gegeben, wenn der Junge ihn nicht mit leuchtenden Augen angesehen hätte, aus denen die Abenteuerlust sprühte. Und Traurigkeit, oder täuschte er sich? 

Mit einem Ruck wandte er sich ab: „Moin.“ Rasmus kaute auf seiner Pfeife und ließ den Motor an. Es ging los.

Er schaute zu, wie der Junge seinen Rucksack in die Kajüte hievte. „Das linke Bett ist deins“, sagte er. 

Das linke Bett — es war ihrs gewesen, als sie noch zusammen gefahren waren. Es war leer geblieben, als er allein fahren musste. Bis heute. Rasmus wischte sich über die Augen. Der Wind biss mit seinen Böen zu und ließ die Augen tränen. Es war der Wind. Nur der Wind.

„Kann ich was tun?“ Der Junge war fix gewesen mit dem Einräumen seiner Sachen. Rasmus musste sich etwas einfallen lassen. Der Junge brauchte Aufgaben an Bord, die ihn nicht überforderten und nicht in Gefahr brachten. Er hatte versprochen, auf ihn aufzupassen. Fest hielten seine Hände das Ruder. Er hatte es sich versprochen.

„Schnapp dir das Fernglas und erzähl mir, welche Vögel du siehst. Kennst dich ja aus, hast du gesagt.“

Vielleicht hätte er das mit dem Erzählen nicht sagen sollen. Der Junge kannte sich wirklich aus und teilte begeistert, was er sah: Lachmöwen, Sturmmöwen, Kormorane, Basstölpel. Gegen seinen Willen schmunzelte Rasmus. Das hätte ihr gefallen. Sie hatte die Seevögel geliebt, besonders die Basstölpel mit ihren urplötzlichen Tauchgängen, die wie geplante Abstürze aussahen. 

„Wusstest du, dass ein Basstölpel mit 100kmh ins Wasser eintauchen kann?“ Der Junge sah ihn an, die Wangen vom Wind gerötet. Der Alte nickte. Das hatte sie auch immer wieder erzählt.

Lange waren keine Worte mehr an Bord gewesen. Nur sein Schweigen. Und seine Gedanken. Und seine Trauer, die alles eingenommen hatte. Wie eine unsichtbare Folie hatte sie über allem gelegen, festgesogen und undurchlässig. Er hatte sich daran gewöhnt und gedacht, dies sei nun so. Für immer sei es nun so. Aber dann war eines Tages der Junge aufgetaucht und hatte sich weder durch Schweigen noch durch brummige Antworten abschrecken lassen. Unbeirrt hatte er Fragen gestellt, hatte keine Unfreundlichkeit gelten lassen. Er hatte sie einfach nicht zur Kenntnis genommen, hatte irgendwann von seinem Traum erzählt, einmal mit dem Boot auf das Meer hinaus zu fahren, Tag und Nacht und nicht nur für Stunden zu den Seehundbänken. Und er hatte Rasmus das Gefühl gegeben, ein wertvoller Gesprächspartner zu sein. Er, der kaum drei Sätze hintereinander sprach. Sie hatte sich davon auch nie abschrecken lassen. Mit ihr hatte er auch geredet. Manches Mal ohne viele Worte.

Der Wind frischte auf. Das Boot begann auf den Wellen zu tanzen, die inzwischen Schaumkronen trugen und sich im Weitspucken übten, sobald eine Böe über sie hinwegfegte. Vielleicht wäre es besser gewesen, zum Hafen zurückzukehren. Aber aufgeben war nicht seine Stärke. Noch sahen die Wolken aus, als trügen sie rosa Zipfelmützen. Vom Horizont her schob sich eine Wolkenwand ins Bild, die wenig Gutes verhieß. Manchmal ging das schnell hier im Norden.

„Hast deine Schwimmweste ja gar nicht an“, fauchte er. 
„Wird gemacht, Käpt´n!“, entgegnete der Junge fröhlich und nahm die orangerote Weste vom Stapel neben der Kajüte. 

Konnte denn gar nichts den Bengel aus seiner guten Laune reißen? Rasmus spürte, wie Unwillen in ihm hochkroch. Aber die nächste Welle forderte seine volle Aufmerksamkeit. Er umklammerte das Ruder, brachte das Boot in eine stabile Position zu den heranrollenden Wogen und vergaß alles bis auf den Rhythmus von Wellenkamm und Wellental. 

Für Stunden ging das so. Der Junge schien zu spüren, dass er den Alten in Ruhe lassen musste. Sein Wortschwall versiegte und er stellte sich breitbeinig dem Schwanken entgegen, überglücklich, dass keine Übelkeit ihn quälte. Bald hatte er raus, wie er sich aufrecht halten musste und er schien die Bewegung des Bootes zu genießen: jedes Ansteigen des Bugs und das Eintauchen in die Wellen. Es ging ruppig zu an Bord, aber der Junge jauchzte, wenn die Gischt ihn erwischte. Rasmus grinste. So, genau so hatte er als Junge neben seinem Vater gestanden und dem sturmbewegten Meer standzuhalten versucht. Nein, sie würden nicht zum Hafen zurückkehren. Sie würden ihre Tour fortsetzen. Wie geplant und versprochen.

Am nächsten Morgen hatte sich das Meer beruhigt und Sonnenstrahlen nutzten die zahlreicher werdenden Wolkenlücken. „Die machen Party“, sagte der Junge und deutete auf die goldglitzernden Flecken, die von einem Ort zum anderen hüpften: geordnet und wild zugleich. Manchmal beendete eine Wolke das Treiben, aber die Sonnenstrahlen fanden ihren Weg und eröffneten umgehend einen neuen Tanzboden. 

Rasmus lächelte. Das Wort „Party“ war für ihn so lange vergraben gewesen, dass es sich beinah wie ein Wort aus einer fremden Sprache anfühlte. „Party“ – murmelte er vor sich hin, ein Mal, zwei Mal, … Seine Stimme legte an Kraft zu, übernahm das Ruder, bis er es dem Meer entgegen brüllte: „PARTY!“ Und als der Junge einfiel, gab es kein Halten mehr. Gemeinsam schrien und stampften sie, warfen die Arme in die Luft, hörten erst auf, als Rasmus nach Luft zu schnappen begann. Er stützte seine Hände auf die Knie, fühlte sein hämmerndes Herz, spürte wie es Fesseln sprengte. Fesseln, von deren Existenz er nichts geahnt hatte. „Mensch, Junge!“, keuchte er. „Was machst du mit mir?“

Wenn er ehrlich war, stellte er sich diese Frage, seitdem der Junge an Bord war. Ein Heranwachsender, das Leben als Verheißung vor sich. Alles war möglich in diesem Alter. Der Alte wusste es noch. Es war eine im wahrsten Sinn des Wortes wunderbare Zeit. Wunder hatten ihn nicht gewundert, als er so alt gewesen war wie der Junge jetzt. Hatte er ihn deshalb mitgenommen? 

„Hier, trink das“, der Junge reichte ihm ein Glas Wasser. Rasmus räusperte sich. Lange hatte ihm niemand mehr etwas gereicht, lange hatte er nichts mehr entgegengenommen. Er trank und jeder Schluck legte sich wie eine kühlende, sanfte Berührung auf seinen kratzigen Hals. Er räusperte sich erneut. „Meine Frau hat gerne getanzt.“ Die Worte kamen wie von selbst. Rasmus schaute aufs Meer. Er blinzelte. Dann wandte er sich um. Der Junge stand vor ihm, er sagte nichts, streckte nur die Hand aus, um das leere Glas in die Kajüte zu tragen. 

Später dachte Rasmus, dass es diese Gelassenheit gewesen war, die ihn hatte weitersprechen lassen, die Schranken beiseite geräumt und die Worte ins Fließen gebracht hatte. Er hatte von ihr erzählt, hatte beim Erzählen ihre Marmelade geschmeckt, ihre Stimme gehört, ihre Briefe noch einmal gelesen. Er hatte sich von ihrem Lachen anstecken lassen, hatte ihre Hand in seiner erahnt. Er war ihr nah gewesen. Viel näher als in seinem Schweigen. 

„Was ist passiert?“, irgendwann war die Frage des Jungen zu ihm durchgedrungen und er hatte es zu Ende gebracht. Zum ersten Mal hatte er von ihrem Sterben erzählt. Von den Wochen voller Schmerzen und Angst und von dem letzten Nachmittag, als sie sich nach Tagen des Dahindämmerns aufgesetzt und ihn ein letztes Mal angesehen hatte. Nichts hatte er tun können; er hatte sie im Arm gehalten und seinen Schmerz in sich verschlossen.

„Mein Vater wollte sein Leben nicht.“ Beinah hätte er es überhört. Der Junge hatte leise gesprochen; und tastend, als beschritte jedes Wort einen steinigen Weg. Der Alte sah ihn an. Er wartete, doch der Junge hielt seinen Blick auf das noch immer glitzernde Meer gerichtet. Rasmus nickte. Mit verborgenem Kummer kannte er sich aus. Er würde da sein und dafür Sorge tragen, dass die Tür einen Spalt offen blieb.

Fragen:

  Ist die Überschrift passend gewählt? Lockt sie? Verrät sie zu viel, zu wenig? Ist sie womöglich langweilig?
  Ist am Schluss verständlich, dass es um Selbstmord des Vaters geht? Schluss zu kurz? Oder gerade in seiner Offenheit für eine Kurzgeschichte passend gewählt?


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(2) RUMA: ES GIBT MEHR
Annette Paulsen-Kolb

Diese Geschichte ist nach Motiven der Sage über die Nixe Ruma erzählt. Ich schreibe sie auf eine Aufforderung des Tourismusvereins Rhumspringe Deutschland/ Harz), die sich gewünscht haben, dass diese Geschichte für Kinder (ca. 8-11) erzählt wird. Hier der Anfang. 

Kapitel 1: Ruma

Es war Frühling.
Der Wald hatte ein zartes Grün.
Die Vögel sangen
Der Fluss plätscherte ins Tal.

Ich seufzte: Wie gern wäre ich jetzt dort.
Dort unten am Fluss.
Ich liebe das Wasser.
Den wilden Fluss.
Den stillen See.
„Nein Ruma,“ sagte mein Vater immer zu mir.
„Das geht nicht. Das ist viel zu gefährlich.
Du könntest ertrinken.
Du könntest die Riesen treffen.
Mit ihren groben Händen und Füßen.
Mit ihren gewaltigen Holzbütteln.
Sie könnten dich jagen, dich verletzen.
Du bist eine Zwergin.
Du bleibst zu Haus“

`Ach, Papa`, dachte ich nur.
`Ich bin eine, die gut schwimmen kann.
Mich werden sie niemals kriegen. Weißt du das denn nicht?`

Und ich sah auf meine Hände. Hände, an denen zwischen den Fingern winzige Schwimmhäute zu sehen waren.

Ja, ich weiß, dass ich keine wirkliche Zwergin bin.
Ich habe eine grünliche Hautfarbe.
Ich habe rote Haare.
Tief in den Wäldern lebe ich auf der Burg Ehrenstein.
Mein Vater ist Haldor, der mächtige König der Zwerge.

Meine fünf Schwestern Bilola, Glolina, Mikena,Vikona und Vipen
lachen oft über mich.
Sie ziehen an meinen roten Haaren.
„Hihi, die Grüne, die Grüne!“ rufen sie.
Sie sehen alle aus wie unser Vater.
Kurz, stämmig, mit schwarzen wuscheligen Haaren.
Nein, sie ähneln unserer Mutter Narima überhaupt nicht.

Narima nämlich hatte zwei Gestalten: 
Sie war Zwergin und Nixe zugleich.
Sie konnte von einer Gestalt zur anderen wechseln, wie es ihr beliebte.
Wie das machte: keine Ahnung!

Wie oft habe ich sie gefragt, wie diese Verwandlung funktioniert.
„Noch nicht“; sagte sie dann immer. „Noch nicht.“
Oft füllten sich dann ihre grünen Augen mit Tränen.
Narima schien oft sehr traurig zu sein.
Wenn sie weinte, dann waren das immer Sturzbäche.
Und das Rinnsal, das hinter der Burg entlangfloß, wurde zum Fluss. Und im Strömen und Rauschen hörte man in hellen Mondnächten eine klare Stimme.
Narima sang.
Sie sang das Lied des Wassers, aus dem sie gekommen war.

Eines Tages war sie fort.
Niemand redete mehr von ihr.
Es war als ob sie nie da gewesen wäre.
Aber ich vermisste sie.
Jeden Tag.


Kapitel 2: Der König

Mit schweren Schritten stapfte König Haldor in der weitläufigen Burghalle auf und ab.
Er raufte sich die Haare, seinen buschigen Bart.
Wie immer.
Wie immer, wenn er sich wütend, traurig oder irgendwie hilflos fühlte. 
Wie so oft, seit Naima fort war. 
Fort zurück in das ferne Meer.
„Ich kann dieses Leben nicht mehr ertragen“, hatte sie ihm gesagt, dieses Leben als Zwergin an einem fremden Ort.

„Leb wohl, liebster Haldor“ hatte sie ihm zugerufen, bevor der Fluss sie fortgetragen hatte. fFür immer.

Nein, er wollte sich nicht mehr daran erinnern.
Aber wenn er an Ruma dachte, zog sich sein Herz schmerzhaft zusammen.
Sie war wie Narima.
Ruma war ein Wechselwesen.
Sie war Zwergin und Nixe zugleich.

Noch wusste sie es nicht
Aber Sie war klug.
Sie war schön.
Sie hatte ihren eigenen Kopf.
Von morgens bis abends trieb sie sich herum.
Heilkräuter sammeln.
Vor Sonnenuntergang ließ sich selten wieder blicken.
Irgenwann würde auch sie fort sein….
Oder aber die Riesen…….
Sie würden sie jagen wie ein aufgescheuchtes Reh.
Sie verletzen, ihr mir ihren groben Händen weh tun.

Das feindselige, grobschlächtige Riesenvolk!
Mit ihren gewaltigen Holzknütteln lauerten sie den Zwergen auf.
Solange Haldor denken konnte, lagen das Zwergenreich und das Riesenvolk im Krieg.
Das war schon immer so und würde immer so bleiben.
Haldor fühlte die Wut in sich aufsteigen.

Diese üblen Gesellen lauerten nach den Schätzen der Zwerge.
Nach ihrem Gold und Silber, das sie harter Arbeit in den Bergen gewannen, dass sie hüteten und horteten, an geheimen Stellen versteckten.

`Gut, dass das Riesengeschlecht so dumm ist wie groß!`

Er, Haldor, der mächtige König, würde es zu verhindern wissen, dass sie ihr Unwesen weiter trieben oder gar seiner Ruma etwas zuleide taten.

Haldor richtete sich entschlossen auf und öffnete die Tür der Werkhalle.


Kapitel 3: In der Werkstatt

Geschäftiger Lärm schlug Haldor entgegen, als er die Tür zur Werkstatt öffnete, die sich in einer geheimen, unterirdischen Halle unterhalb der Burg befand. 
Hier wurde geklopft und gehämmert, geschraubt und getüftelt.
Geschickt und sorgfältig stellten die Zwerge und Zwerginnen Schmuckstücke, Werkzeuge und allerhand verschiedenste Gegenstände her.
Aber Haldor hatte keinen Blick für all die Kunstwerke, die dort entstand, sondern steuerte zielstrebig auf eine enge, schmale Treppe zu. 
Dort oben auf einer steinernen Empore saß ein Zwerg mit stoppelkurzen Haaren und einer Schwarzen Nickelbrille.
Er beugte sich über Pläne, er zeichnete, er maß ab, er radierte. 
und schien tief in seine Arbeit versunken.
Haldor legte ihm wortlos die Hand auf die Schulter.
„Budur“. Erschrocken sprang dieser auf.
„Mein König.“
„Arbeitest du an unseren Plänen?“
„Ja, wie ihr befohlen habt, mein König.“
„Zeig mir das Modell.“
Budur ging zu einem Tisch und deckte einen metallenen Gegenstand auf, der aussah wie ein eine Art Blasrohr.
„Unsere Soldaten könnten mit so einem Rohr ausgestattet werden. In dem Rohr befinden sich winzige Pfeile mit einem Widerhaken, der mit einem starkem Gift gefüllt ist.
Schon wenn dieser die Haut eines Riesen ganz leicht ritzt, wird er umfallen und nicht wieder aufstehen.“

„Gute Arbeit, Budur“, lobte Haldor.
So werden wir es machen.
Ab sofort werden wir nur noch Blasrohre herstellen.
An den Grenzen unseres Reiches sind in letzter Zeit zu viele Riesen gesichtet worden.
Sie scheinen einen großen Angriff vorzubereiten.
Mit dieser Erfindung werden wir es verhindern.
Wir werden diesen grobschlächtigen Gesellen endgültig den Garaus machen!“

Haldor rieb sich die Hände. Budur war ein Genie!

„Und noch etwas Budur,“ Haldor senkte die Stimme.
Diese Unterredung ist wirklich vertraulich, verstanden?
Kein Wort zu irgendjemand!“
„ Natürlich nicht, mein König.“
Budur verbeugte sich.

Ruma, meine jüngste Tochter macht mir Sorgen. 
Sie treibt sich herum, am Fluss oder sonstwo.
Das ist gefährllch, solange die Situation so ist, wie sie ist.

Du hast doch einen Sohn - Vulin. Ich möchte, dass er Ruma unauffällig folgt. Sprich mit ihm. Noch heute.“

Haldor drehte sich auf dem Absatz um. Schon war er die Treppen hinuntergelaufen. Und hatte die Tür zur Werkhalle hinter sich zugeschlagen.

Budur schüttelte den Kopf. Haldor war entschieden sehr merkwürdig geworden in der letzten Zeit.
Die ganze Sache war ihm nicht geheuer.
Aber würde mit Vulin sprechen müssen.
Mit einem Seufzer wandte sich Budur wieder seiner Arbeit zu.


Kapitel 4: In der Schule

„ Aufstehen!“ Vulin drehte sich noch einmal auf die andere Seite. Er wollte schlafen, später vielleicht eine heiße Schokolade trinken und weiche Milchbrötchen essen.
Er schmatzte schon genüßlich, wenn er daran dachte.
Aber sein Vater Budur ließ ihm keine Ruhe.
Jetzt hatte er sich schon neben seinem Bett aufgebaut:
„Vulin, du weißt doch, dass du ab heute eine besondere Aufgabe hast.“ Budur schob ungeduldig seine Nickelbrille hoch.
Also los, du kommst sonst zu spät.“
Ach ja, diese Ruma, die dünne mit dem grünen Gesicht. Uff, sie war wirklich ein sehr komisches Mädchen. Redete mit keinem. Aber na ja, sie war die Tochter des Königs. Und er, Vulin, sollte ihr unauffällig folgen, sie ausspionieren. 
Irgendwie würde er sie schon reinlegen können.
Vulin grinste bei dem Gedanken. So was machte ihm fast genauso viel Spaß wie Schokoladenplätzchen essen.
Ja, eine Ehre war das, wenn er es sich recht überlegte. Und er würde es schon schaffen. Vielleicht gab es ja eine tolle Belohnung. Am besten ganz viel leckeres Essen.

Vulin kroch aus seinem warmen, gemütlichen Bett und angelte nach seinen Hausschuhen. Dabei war ihm sein dicker Bauch entschieden ihm Weg. Dann schlurfte er die Treppe hinunter.

Auf dem Weg zur Schule - sie war am äußersten Ende des Burggeländes gelegen - in einer riesigen Tropfsteinhöhle -
sah er sie gleich. Ruma. Lang und dünn. Komisch, wie die ging, ein bisschen, als ob sie schwebte. Hatte die Probleme mit ihren Beinen? Und natürlich war sie allein. Abseits von ihren Schwestern, die kichernd und geschäftig miteinander tuschelten und lachten.

Vulin drängelte sich nach vorn, wollte ganz in ihrer Nähe sein. Er folgte ihr als sie dunkle Stiege in die Höhle hinuntergingen, die nur von einigen Fackeln erleuchtet war.
Es war die Stunde der Dämmerung, der Mond war gerade untergegangen, und der Himmel wurde hell. Er würde ein schöner Frühlingstag werden.

Unten öffnete sich ein großer Saal, in dem Säulen, die aus tausenden von Tropfen bestanden von unten und oben in die Halle hineinwuchsen. Überall, gab es kleine und große Nischen, die sich zu der großen Halle hin öffneten.
Jetzt am Morgen vor Unterrichtsbeginn herrschte geschäftiges Treiben:
Lehrerinnen und Lehrer mit grauen Zöpfen und ernsten Gesichtern verteilten die unterschiedlichsten Gegenstände
in den angrenzenden steinernen Höhlen:
Metalle, die in einem hell lodernden Feuer geschmolzen und zu Schwertern, Speeren und Pfeilen verarbeitet werden sollten,
Feine Werkzeuge für die Erstellung von Goldschmuck,
eine Kiste mit Edelsteinen, die die Schüler sortieren konnten,
allerhand Fläschchen, Tiegel und Mörser. 
Pflanzen jeder Größe, die aufs Umtopfen warteten mit heilsamer oder auch tödlicher Wirkung.
Aber auch Bücher, Plakate und Tafeln mit seltsamen Schriftzeichen und Sprüchen waren an vielen Plätzen zu finden.
Wer diese beherrschte, konnte jederzeit so mit seiner Umwelt verschmelzen, dass er für alle unsichtbar wurde.

Die Schülerinnen und Schüler verteilten sich an ihre Plätze.
Vulin hatte sich dicht an Rumas Fersen gehängt.
Diese schien zu spüren, dass ihr jemand folgte und drehte sich plötzlich um:
„Was willst du? Ich gehe zum Heilkräuterkurs. Ich glaube, ich habe dich dort noch nie gesehen!“
Vulin spürte wie ihm die Röte ins Gesicht stieg.
„Äh ja, ich finde die Heilkunde auch so interessant.
Ich wollte das mal probieren…. Vielleicht kannst du mir helfen?

„Nee, ganz sicher nicht, ich habe zu tun.“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und schien plötzlich verschwunden.
Oh, eine Musterschülerin, den Kurs „Sich Unsichtbar machen“
hatte sie anscheinend auch schon bestanden!
Vulin schnaufte, Schweißperlen liefen seinen dicklichen Nacken 
hinunter.
Blöde Zicke! Das würde ja ein Stück Arbeit werden!
Vulin sah Ruma den ganzen Morgen nicht mehr. Sie war wie vom Erdboden verschluckt. 
Dafür warf Vulin Gläser und Tiegel zu Boden, riss mehreren Pflanzen die Wurzeln aus und veranstaltete eine Überschwemmung mit dem Gießwasser. 
Daraufhin bat ihn die Lehrerin doch wieder zum Kurs: „Waffen schmieden“ zurückzukehren, er hätte ja augenscheinlich kein Talent.
Beleidigt zog Vulin ab. Das war ja kein sehr erfolgreicher Tag gewesen. Erst als der Unterricht am Nachmittag zu Ende war,
konnte er wieder einen Blick auf Ruma erhaschen. 
„ Ruma, Ruma“, rief er, „So warte doch!“
Ihre roten Haare glänzten in der Frühlingssonne.
Ohne sich umzudrehen und leichtfüßig lief sie davon. 
Schwerfällig versuchte Vulin hinter ihr herzulaufen. Doch da war Ruma schon im hohen Gras verschwunden.

„So ein Mist!“ schimpfte Vulin.“ Aber na warte, dich kriege ich noch! Ich glaube ich habe da schon eine richtige gute Idee….
Vulin grinste hämischund machte auf dem Hacken kehrt. Er musste da noch etwas Dringendes erledigen…..


5. Kapitel: Am Fluss

`Uff, das war knapp gewesen! Dieser Vulin hat mir gerade noch gefehlt! Geheime Wege werde ich gehen müssen, lautlos muss ich sein, kein noch so kleiner Zweig darf knacken, mich immer umschauen, ganz sicher sein, dass mir niemand folgt….` 
Ruma war immer noch atemlos und ihr Herz hämmerte gegen ihren Brustkorb.

Da glitzerte schon der Gebirgsfluß hinter der nächsten Biegung. 
Dieses glasklare Wasser! Wie es plätscherte, rauschte, strömte!
Ruma setze sich an die Uferböschung.
Wie so oft dachte sie an Narima - die Nixe, die Zwergin, ihre Mutter.
War da nicht ihr Gesicht ganz unten auf dem Grund? 
Ruma starrte ins Wasser.

Immer schien Narima so fremd, wirkte kühl auf alle. 
Ruma aber hatte sich ihr immer sehr nahe gefühlt, sah sie doch aus wie wie ihre Mutter - mit ihren roten Haaren und ihrer warmen Stimme..
`Ob ich wohl auch ein Wechselwesen bin?` überlegte Ruma.
`Warum hatte Mama mir ihr Geheimnis nie verraten?
Nun war sie fortgegangen oder vielleicht auch fortgeschwommen…. Einfach den Fluss hinunter…
Weiter … weiter… bis ins Meer.` so stellte 
sich Ruma das zumindest vor.
´Papa schien wütend oder vielleicht auch traurig. So genau wusste man das bei ihm nicht.
Auf alle Fälle beobachtet er mich sehr genau.
Ob er wohl Angst hatte, dass ich auch eines Tages einfach davon schwimmen würde?`
Da erzitterte Narimas Bild in der Tiefe und verschwand.

Ruma zog Schuhe und Strümpfe aus und hielt ihre Füße ins eiskalte Wasser.
Plötzlich kam ein Schwarm Fische vorbei, nein, sogar zwei: Kleine grüne mit glänzenden Leibern und große, braune, die schwerfällig ihre Runden zogen.
Da hüpfte einer der winzigen Fische in die Höhe mit einem übermütigen Sprung, bevor wieder im Wasser landete und einer von vielen wurde…

Ruma lächelte: ´Wie war`s da oben in der Luft, Fisch?
Wie fühlt es sich an in einem anderen Element?´

Da fiel ihr Blick wie zufällig auf ihre Füße. 
Hatten sich da nicht winzige Flossen gebildet, dort, wo sie vom Wasser benetzt wurden?
Rumas Herz klopfte, hämmerte.
Würde sie sich jetzt verwandeln? Jetzt?
Oh nein! Was passierte mit ihr?
Was sollte sie bloß tun?
Förmlich zusehen konnte man, wie sich ihre Haut mit grünlichen Schuppen bedeckte.
Panisch sprang Ruma auf. Rannte los.
Nach einer Weile blieb sie atemlos stehen.
und blickte auf ihre Füße herunter.
Ganz normale Zwergenfüße! …..
´Puh Gott sei Dan, dachte sie und… ´Oh, wie schade…. Aber ich muss es wieder probieren´, dachte Ruma. `Ich muss es ganz einfach.´

Ruma spürte es ganz deutlich. Ganz nah war sie dran an diesem großen Geheimnis.
Nachdenklich nahm sie ihr Körbchen mit Kräutern, das sie immer bei sich trug. 
Allmählich wurde der Himmel dunkelblau.
Ein Käuzchen schrie, als sie langsam heimzu ging.

Kapitel 6: An der Quelle

Heute war der Tag der Sonnenwende.
Keine Schule für die jungen Zwerge und Zwerginnen.
Auf Zehenspitzen hatte Ruma sich heute früh fortgestohlen.
Niemand sollte sie bemerken.
Wie immer hatte sie sich ihr Kräuterkörbchen geschnappt und auf leisen Sohlen den Schlafraum, den sie mit ihren Schwestern teilte, verlassen.
Als sie endlich außerhalb der Burganlage war, hatte sie begonnen zu rennen. Schneller, schneller. Ihre Haare flogen im Wind. Als sie zu Fluss kam, ging gerade groß und rot die Sonne hinter den Hügeln auf, als sie atemlos stehenblieb.
Sie schaute sich um. War sie allein? War ihr niemand gefolgt?
Langsam folgte sie dem Lauf des Flusses bergan. Sie wusste schon, das war verbotenes Gebiet. Das Land der Riesen.
Endlich kam sie zu jenem großen Quelltopf, wo das Wasser des Flusses mächtig und sprudelnd aus dem Boden drängte. 
Unendlich tief schien es zu sein und so seltsam türkis, dass es in ihren Augen schmerzte.
Langsam ging sie auf das Wasser zu, spürte die Kälte an ihren Beinen, an ihrem Bauch. Ihr Herz pochte wie wild. Und doch watete sie weiter und weiter, bald reichte ihr das Wasser bis zum Kinn.
Hilfe! Würde sie ertrinken? Plötzlich fühlte sie ein Ziehen und Zerren an ihren Beinen, ein Kribbeln und Krabbeln
zwischen ihren Fingern. Was war das?
Und dann schwamm sie, tanzte mit den Wellen, drehte Pirouetten und schlug mit ihrem Fischschwanz auf die Fluten, drückte mit ihren Schwimmhäuten das Wasser beiseite.
So einfach war das also! So einfach! Sie, Ruma, war jetzt eine Nixe. Sie, Ruma, konnte wirklich und tatsächlich die Gestalt wechseln. 
Sie schwamm, sie tanzte mit dem Wasser.
Sie musste es also einfach tun, der Angst eine lange Nase drehen!
„Oh Mama, dachte sie, „Ich kann dich jetzt soviel besser verstehen. Das Wasser macht so leicht, so schwerelos…..“

Nach einer endlos scheinenden Zeit schwamm sie zum Ufer zurück bis sie festen Boden unter ihren Füßen spürte. Und ihren Füßen?
Sie blickte an sich herunter. Ja, der Fischschwanz war verschwunden, unter ihren ganz normale Zwergenfüßen
fühlte sie Steine und Steinchen, als sie zum Ufer watete. 
Mittlerweile war es Mittag geworden Und die Sonne hatte ihren Weg gefunden durch das grüne Blätterdach, das die Quelle behütete.
Ruma watete ans Ufer, schlüpfte in ihr braunes Kleid und griff nach ihren Körbchen
Sie warf das noch nasse, rote Haar zurück.
Ihr Herz lachte, jubelte: „Es ist wahr! Es ist wirklich wahr!
Ich bin Zwergin und Nixe zugleich! Ich kann mit den Füßen auf der festen Erde laufen. Ich kann wie ein Fisch mit dem Wasser 
spielen!“
Die Sonne hatte schon ihren höchsten Punkt überschritten, als sie flussabwärts nach Hause eilte. 
„Hoffentlich hat niemand meine Abwesenheit bemerkt… Ach, egal …„es gibt so viel mehr als das Leben auf der Festung Ehrenstein mit ihren Regeln und Verboten!“ dachte sie noch, als sich plötzlich, eine große, dunkle Gestalt von einem Baumstamm löste.

*** 
Meine Fragen:
Passt der Tonfall für die Zielgruppe?
Welche Stilistischen Mittel gibt es für mehr Spannung?
Wie kann man noch handlungsorientierter schreiben?
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(3) 3.018m über dem Meer
Elisabeth Görlich

Die Similaunhütte - 3018m - ist erreicht! Endlich! Sie atmet keuchend, deutlich ist der wenige Sauerstoff in dieser Höhe zu spüren! Der Rucksack zieht schwer nach unten, nichts wie hinsetzen! Es war anstrengend, besonders das Stück über den Gletscher, der dank der wärmenden Sonne ohne große Gefahr begehbar war. Sie hebt nun den Kopf und staunt! - Der Weitblick lässt alle die Mühen des Aufstiegs vergessen! Vor ihr liegt Italien! Mächtige Bergketten reihen sich aneinander und dann – nur zu ahnen - die Ebene, das Meer! – Ihr Sehnsuchtsland! 

Lisi ist stolz! Die Freude hier zu sein, lässt ihr Herz kräftig schlagen! Sie schaut und lässt sich beeindrucken von dieser Weite, dieser Klarheit, den Kontrasten! Sie fühlt sich klein, hilflos und unbedeutend in dieser endlosen Weite! Wie vergänglich alles Sein! Ötzi, der Gletschermann – hier wurde er gefunden - kommt ihr in den Sinn! Vor mehr als 5000 Jahren hat er hier unter den Eismassen seine Ruhestätte gefunden, er hat diese Höhen erstiegen! Warum? Kaum vorstellbar, dass er dies schaffen konnte! So viele Erzählungen, Fragen und Geheimnisse ranken sich um ihn! Wer war er? Die Rätsel um ihn beschäftigten Lisi schon lange und diese Stelle zog sie magnetisch an. 

Ihre Gedanken und Bilder führen sie weiter in ihre Vergangenheit, zu ihren Erinnerungen - vor mehr als 50 Jahren fuhr sie mit dem Zug erstmals nach Italien! Daran denkt sie …..

Es existiert kein Zeitgefühl, die Erinnerungen sind lebendig. Das Überschreiten der Grenze führte sie damals in ein fremdes, neues Land, nicht nur hinsichtlich der Landschaft, auch hinsichtlich der Sprache und vor allem dem Lebensgefühl, der Mentalität! Sie verließ damals Österreich, den Norden, das Daheim, die streng mit moralischen Grundsätzen strukturierte autoritäre Klosterschule, das enge Elternhaus. Sie spürte wohltuende Wärme, Freiheit, Gefühl. Ohne viel Gepäck, ohne Abschiedsschmerz und Heimweh, aber mit viel Neugierde tauchte sie in eine andere Welt mit einer klingenden melodiösen Sprache ¬-ein wenig vertraut durch Latein, das sie als Basis für romanische Sprachen sehr gerne lernte - ein. Wie schön, Radio zu hören, mit der beschwingten Musik innerlich mitzufühlen (daheim durfte man den Drahtfunk, wie das Radio hieß, das nur einen Sender hatte, nicht jederzeit einschalten), immer mehr Worte zu verstehen, Mario, Emanuelle, Renzo zu hören, Unverstandenes unverstanden lassen zu können und sich dabei wohl zu fühlen, unausgesprochene u für sie damals unaussprechbare Sehnsüchte zu spüren! – Die Nachmittage am Meer in der Sonne -natürlich ohne Sonnenschirm und mit wenig Sonnenschutzcreme - fühlten sich entspannend, wohlig an. Es gab Spaghetti zu essen, für ihre Geldbörse erschwinglich u Mario lehrte sie, Muscheln zu öffnen, mit Zitronensaft abzuschmecken u zu essen. Sie fühlte sich getragen von einem neuen, guten Lebensgefühl! 

Mario war bei der Marine, er kam täglich am Stand zu ihr vorbei, in seiner schneeweißen Uniform, einer schlanken, großen Figur, mit seinen schwarzen Haaren einfach umwerfend! Er bewahrte die Distanz, vermittelte ihr das Gefühl, sie attraktiv u liebenswert zu finden. Später daheim drohte sie ihrer Mutter wiederholt in schwierigen Situationen an, nach Italien zu Mario gehen zu können, mit dem sie eine Zeitlang noch Briefe schrieb. Sie war verliebt in ihn, es war ein wunderschönes Gefühl, dass es da – zwar in der Ferne - jemanden gab; viele Worte verbanden sie nicht, sie tauschten sich auf Englisch aus, ein aktiver italienischer Wortschatz fehlte Lisi. 

Dann war da noch Renzo! Ein Schatten, der sich über die Zeit legte, dunkel, unverständlich für Lisi - Wie mit seinen Verführungsversuchen zurechtkommen – noch dazu ohne Sprache? Sie tanzten abends, ihre Körper schmiegten sich aneinander. Sie wehrte ihn ab, immer wieder, er war ja verheiratet und noch mehr Nähe ohne Sprache ging gar nicht. Neben ihr Bett legte sie ihre Haarbürste; mit dieser wollte sie auf ihn einschlagen, sollte er ihre Zimmertüre öffnen. Aber da war auch ihre Sehnsucht, angenommen, geliebt zu werden, was das auch immer bedeuten sollte, es war für Lisi nicht in Worte zu fassen, in keiner Sprache, es lebte in ihr als drängendes Gefühl. Sie wehrte sich dagegen, Schuldgefühle plagten sie dennoch. Die gelernten, inhalierten Verhaltensregeln wirkten, machten unruhig, spalteten sie fast. Sie musste alleine damit zurechtkommen, wie immer in ihrem bisherigen Leben.

Lisi spürt den Druck, die unausgesprochene Verzweiflung von damals. Sie wehrt sich innerlich dagegen. Nein!!! - Wo ist sie? Mit aller Kraft öffnet sie ihre geschlossenen Augen, die Sonne blendet, die Berge strahlen in ihren Weiß- und Blautönen Ruhe und Gelassenheit aus. Sie sitzt auf einer Bank, der Rücken lehnt an der Holzwand der Similaunhütte. Tief atmet sie ein – diese Qualen liegen doch weit hinter ihr! Noch ein paar tiefe Atemzüge, um in die Gegenwart zu kommen! Alles ist in dieser Höhe in dem strahlenden Licht der Sonne, des Schnees, des Himmels klar, auch ihre Gedanken. Die damaligen Erlebnisse sind vorbei, weit in der Ferne. Es geht darum, Abschied von dieser Schwere zu nehmen. Sie hat damals nach 9 Wochen Italien verlassen, jetzt will sie den noch in ihr schlummernden, belastenden Gefühlen ihren Platz in der sie umgebenden Weite der Natur geben.
Wie wunderschön, unbeschwert, erfüllt dieser Moment doch ist! 

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Fragen:

  Natürlich würde ich dich gerne fragen, wie du sie bewertest (Ausdruck, Stil) und ob du sie - auch für Außenstehende - lesenswert findest. 
  Ist die Geschichte spannend?
  Wird klar, dass dieses Erinnern auf 3018m ein ganz entscheidender Punkt für das Erleben von Freiheit, Loslassen, sich im Jetzt einzufinden, ist und der Vergangenheit einen würdigen Platz zu geben?