Text-Feedback - Einheit 3
BONUS-EINHEIT 3
Text-Feedback auf  vier Geschichten (Einheit 3)
In dieser Bonus-Einheit erwartet dich eine Textwerkstatt mit vier sehr unterschiedlichen Geschichten – von stillen Kindheitserinnerungen über spirituelle Erlebnisse bis hin zu humorvoller Fantasie und zärtlicher Poesie. 

Gemeinsam tauchen wir ein in Carolins berührende Erzählung über zwei Schwestern und entdecken, wie man große Themen – wie Verlust, Erinnerung oder Angst – durch feine Details sichtbar machen kann („Show, don’t tell“). 

Dann lassen wir uns von Waltrauds „Sternstunde“ berühren und sehen, wie eine klar gefasste Szene – ein Gottesdienst im Seniorenheim – zum tragenden Container einer Geschichte wird. 

Bei Charlottes „Luftschokolade“ sprechen wir über Humor, Fantasie und die Kunst, das richtige Maß zwischen Realität und Magie zu finden. 

Und Martinas Geschichte vom kleinen Sammy und dem Eisbären führt uns mitten hinein in die Welt der Kinderliteratur – mit einem Ausflug zu Paddington Bär, zur Heldenreise und zu den Grundformen des Erzählens.

Freu dich auf eine große Portion Handwerkswissen, auf tiefgehende Textanalysen und viele berührende Aha-Momente!

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Themen im Video (mit Zeitstempeln)

00:17: Begrüßung


Geschichte 1: Die Rückkehr

  • 01:59: Lesung „Die Rückkehr“ - häppchenweise. Erste Reaktionen der Gruppe, Diskussion über Stimmung, Beziehung der Schwestern, Andeutung kommender Ereignisse. Hinweis: Feedback nach einer Seite gibt ehrlichere Resonanz als nach der ganzen Geschichte.
  • 09:48: Lesung des gesamten Textes & Tiefenanalyse
  • 18:00: Analyse der Geschichte: Schönes Beispiel für „Show, don’t tell“ – Gefühle durch Handlungen, Details, Dialogfragmente. 
  • 22:00: Feedbackrunde & Diskussion zum Stil - Gruppe nennt Lieblingsstellen. Form und Layout (Flattersatz vs. Blocksatz) diskutiert. Empfehlung: bei dieser Autorin darf der Stil mit kurzen Sätzen bleiben – das ist ihr eigener Rhythmus.
  • 29:03: Vertiefung: Stimmung, Kontraste, Subtext. 
  • 36:48: Gruppendiskussion über Interpretationen des „Vaters, der Brötchen holt“.
  • 39:40: Autorinnen-Reflexion: Carolin erzählt über autobiografischen Hintergrund (Krankheit, Nazi-Oma etc.). Barbara rät: „Alles zu seiner Zeit“ – Reduktion ist Stärke, später gezielt wieder anreichern. Empfehlung: „Ein Motiv bewusst nur an einer Stelle bringen, nicht zu viel gleichzeitig öffnen.“

Geschichte 2:„Sternstunden“

  • 41:29: Lesung der Geschichte „Sternstunden“ (Waltraud)
  • 49:31: Analyse & Feedback: Der "Container". Sprachliche Tipps: Pünktchen („…“) vermeiden, stattdessen Rhythmus über Satzbau steuern; Kleinere Grammatik-/Formatierungshinweise.
  • 57:48: Vertiefung: Sprache & Perspektive: Diskussion über Eigenlob in der Ich-Erzählung („meine Flöte verzaubert den Raum“) - Lösung: Fokus stärker auf die Flöte selbst legen, nicht auf das eigene Können.
  • 1:02:46: Prinzip: „Auf wen schaut die Kamera?“ – Aufmerksamkeit bewusst lenken.
  • 1:09:56: Container-Prinzip und formale Feinheiten. 

Geschichte 3:  „Barbaras Lust auf Schokolade“

  • 1:11:00: Lesung der Geschichte 
  • 1:16:59: Diskussion & Analyse: Unterschied zwischen offenen und störend offenen Fragen. Tonfall (ironisch oder ernst).
  • 1:26:58: Sprachliche Details & Adjektive: Arbeit am Satzrhythmus und an den Metaphern. Diskussion über Adjektive: In sinnlichen Szenen sind sie erlaubt. Barbara zeigt live, wie man Adjektive durch Verben ersetzt oder streicht. Fazit: Adjektive sind Werkzeuge – bewusst einsetzen, nicht automatisch.
  • 1:38:59: Genre-Frage & Zielgruppe - Klärung: keine reine Kindergeschichte, aber kindliche Bildwelt. 
    Vergleich zu Cornelia Funke, Paddington Bär.

Geschichte 4: Sammy und der Eisbär

  • 1:40:52: Lesung der Geschichte
  • 1:45:08: Analyse & Schreibtheorie: Unterschied zwischen Traumgeschichte und realem Abenteuer. 
  • 1:51:00: Einführung der zwei Grundformen von Geschichten: „Ein Fremder kommt ins Dorf" - „Einer macht eine Reise.“
  • 1:52:00: Einführung der Heldenreise (12 Stufen) – inklusive Beispielstruktur.
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Diese Geschichten haben wir besprochen: 

(1) DIE RÜCKKEHR
Karolin Schneider

1986

Dieser Morgen leuchtet anders. Hauchfein haben sie sich ausgebreitet. Sie filtern das Morgengrauen  ins Erträgliche. 
Die warme Bettdecke fliegt zur Seite und ich klettere die Stockbettstufen hinunter, zum Fenster. 
Evi, wach auf! Es gibt Eisblumen!

Der verwuschelte Kopf meiner Schwester dreht sich zu mir. 
Jeden Morgen bürste ich ihre Haare und flechte sie in ein kompliziertes Muster. Dafür sitzt sie ganz still auf dem Hocker im Bad. Ihre Haare riechen nach süßem Heu. Manchmal jammert sie, wenn es ziept.

Auf ihrer Bettdecke sitzen Häschen neben Blumen. Sie kriecht darunter hervor, stapft in ihrem Schlafanzug zu mir, Bärli im Arm. Ohne Bärli geht sie nirgendwo hin.

Die Sonne geht auf. Der erste Sonnenstrahl gleißt durch die Ranken auf dem Glas und lässt sie glitzern. 
Der Griff vom ersten Fenster klemmt. Wir rütteln daran.
Jetzt ist es offen. Wir legen unsere Finger auf das Glitzern und lassen es schmelzen. Kleine Löcher in eisiger Spitze. Über und über, auf dem Fenster hinter dem Fenster.
Wir staunen. Schaben ein wenig des kalten Funkelns mit unseren Fingernägeln ab.
Bis uns kalt wird und wir das Fenster vor dem Fenster wieder schließen. 

Noch ist alles still in der Wohnung. Bald wird die Haustür klappen, wenn unser Vater aufsteht und Brötchen holen geht.

Wir lassen die Playmobilmännchen durch ihr Puppenhaus laufen. In ihren starren Kostümen wandeln sie von Raum zu Raum.
Trinken aus leeren Kaffeetassen, halten ein Schwätzchen. Evi spielt leise, unsere Worte flechten sich ineinander, hundertfach erprobt an Morgen wie diesem.
-Möchten sie Zucker zum Kaffee?
-Nein, Danke, ich nehme ihn schwarz.

Die Figuren auf den harten Sofas fangen bald an uns zu langweilen. Es gibt nicht soviel zu erleben in all dem Plastik.

Der Adventskalender!, ruft Evi. 
Über dem weißen Schorf der Eisblumen haben wir die Schokolade vergessen. Am Kleiderschrank, einem alten Stück aus warmem Holz, hängt ein Wandbehang auf dem Engel um einen Weihnachtsbaum schweben. Am Baum vierundzwanzig Säckchen, darin je zwei Dinge, eins für Evi, eins für mich. 
Heute zwei goldene Kugeln. Evis Gesicht strahlt wie die Sonne durch das Eis. Sie streicht die Folie glatt. Eine ganze Schublade hat sie schon gefüllt mit Einwickelpapier in allen Farben.
Schokoladenverschmiert überlegen wir uns ein neues Spiel, mit unseren Barbies. Evi sitzt nah neben mir, als wir die Barbies ausziehen und ihnen Kleider aus weißen und gelben Rüschen überstreifen. Ihr Bein berührt meines und ich spüre durch den Schlafanzug Evis Wärme. 

---

Es gibt noch viele solcher Morgen im Advent und viele mit eisigen Blumen bemalte Doppelfenster.

Morgen, an denen Frieden ist.

Bis eines Tages meine Schwester wegzieht. 
In ein Land ohne Advent. Mit Wintern ohne Eis und Schnee. 
Zu Lior.
Nach Israel.

2023
Seit die zweifachen Holzfenster den isolierverglasten aus Plastik gewichen sind, gibt es keine Eisblumen mehr. Dass es im Winter friert, ist eh eine Seltenheit geworden.
Seltsamerweise ist mit den Eisblumen auch der Geruch verschwunden. 
Betrat ich mein Elternhaus, empfing mich ein Duft nach Morgenfrische und Geborgenheit.
Jetzt riecht es leer.
Traurig, dass der Duft nur anwesend sein konnte, als ein Hauch durch die Ritzen der Fensterrahmen wehte. Der Hauch wirbelte die Luft auf, die wir in unseren Träumen atmeten. Bewahrte sie in unseren Zimmern. Machte das Haus zu unserem.

Der Hauch, der feine Wassertröpfchen mit sich brachte, die im Winter am Fenster kristallisierten zu gläsernen Abbildern des Sommers. 
Er ist weg. 
Dafür ist wieder da: Meine Schwester. Und der Advent. 
Evi und der Advent zusammen. Das gab es schon ewig nicht mehr. 
Fünfzehn lange Jahre nicht. 
Gemeinsame Sommer und gemeinsame Weihnachten, das schon.
Aber nie war sie bei uns im Advent.
Nicht seit ihrer Hochzeit mit Lior und nicht seit der Geburt ihrer Kinder.

Der Grund ihrer Rückkehr: Der Krieg. 
Nicht der erste, den sie erlebt. Aber der erste, vor dem sie floh. 

Sie versteckt sich im Haus unserer Eltern.
Jeden Abend ringt sie in der Winterluft nach Atem. 
Die Kinder aus ihrem Zuhause gerissen. Bürokratieberge abarbeiten, um hierzubleiben. Wie lange?
Lior stets auf Abruf, er will zurück, seinem Volk helfen. 
Sie braucht ihn hier. 
Sie ist hier in Sicherheit. Und sehnt sich nach Israel. 
Ihr Atem ringt jeden Abend danach, beides zu verbinden.
Mitleiden mit den Zivilisten in Gaza. 
Eine nie gekannte, helle Angst, wenn Arabisch in den Straßen unserer Heimatstadt erklingt.
Die meiste Zeit liegt Evi auf dem Sofa im Wohnzimmer. 
Draußen ist es ihr zu kalt. 
Eigentlich ist es zu warm für die Jahreszeit.
Ich googele: „Trauma lösen“.
Ich schüttele meinen ganzen Körper im Liegen durch, fordere sie auf, mit zu schütteln: Das tut gut.
Ich streiche ihren Körper aus, doch er bleibt starr. 
Etwas anderes taucht auf, als ich mich über sie beuge: Der Duft nach süßem Heu. Hat sich in den Falten ihrer Kleidung versteckt.

Sie legt sich wieder hin. Die Kinder sind ihr zu laut. 
Sie liest Nachrichten aus Israel. Den ganzen Tag. 
Wenn ich sage: Lass uns spazieren gehen, sagt sie: Nein. 

Ich wünschte mir, es wäre wieder Eisblumenzeit. Und es gäbe wieder Gold, versteckt in Schubladen. 

---

Mit viel Überredung endlich ein Ausflug. Zur Kaiserburg. Vorbei am Weihnachtsmarkt mühen wir uns den steilen Weg zur Burg hoch. 
Nürnberg breitet sich unter uns aus, Lichter flammen auf in der Dämmerung.

Ich trage es schon den ganzen Weg mit mir herum, es steckt in meinem Kopf fest: 
- Lior, du weißt, dass Nürnberg eine wichtige Stadt für die Nazis war? Gruselig, oder? Oder langweilt dich das Thema schon?
- Nein. Es ist eine Hoffnung für mich. 
Du und ich wir stehen hier, zusammen, achtzig Jahre danach.
Vielleicht stehen sie und wir in achtzig Jahren auch so zusammen, über Jersualem?

***

Fragen:

  Sollte ich manche Sätze mehr ausformulieren? Vor allem im zweiten Teil sind es viele kurze Sätze. Ich neige dazu, in der Prosa lyrisch zu schreiben, also wie ein kurzes, sich nicht reimendes Gedicht. Das führt aber evtl. dazu, dass die Geschichte weniger gut lesbar/verstehbar ist?
  Sind es zu viele Themen in einer Geschichte? Die Geschichte handelt von den drei Themen: Vergangenem/Geschwisterliebe/Krieg und Frieden (Ich hab sie für den Schreibwettbewerb des Literaturhaus Zürich zum Thema „Verschwundene Gegenstände“ geschrieben, deswegen kommen die Fenster/Eisblumen drin vor.)
  Ist es irritierend, dass meine Eltern nur ganz am Rande in der Geschichte vorkommen bzw. nur mein Vater? Sollte ich sie ganz weglassen?
  Ich hab einige „ist“ in der Geschichte – würdest du die noch verwandeln? (Ich glaube, das geht an den Stellen nicht...?)
  Findest Du den letzten Teil der Geschichte zu separat? Ich dachte es anfangs, aber irgendwie verbindet er auch einiges: Eine Analogie zu Geschwisterlichkeit, Krieg und Frieden, Vergangenheit und Zukunft.



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(2) ES WAR FREITAG
Waltraud Theil

Es war Freitag – es war anders als sonst, als ich das Seniorenheim betrat. Eine energie-geladene Stille umfängt mich… mit leisen Schritten gehe ich weiter. Behutsam drücke ich die Klinke zum Speisesaal. 
Was sehe ich? In der Mitte des Raumes wurde ein kleiner Altar aufgebaut. Darauf befinden sich zwei Kerzen, rote Rosen in einer bauchigen Keramikvase und davor eine Mutter Gottes Statue, die  mit sanft lächelnden Augen zu mir blickt.
Rundherum sitzen die BewohnerInnen in ihren Rollstühlen, geduldig und still in Erwartung. Friedl, unser Diakon, wartet schon auf mich…

Friedl hat vor ungefähr 3 Jahren den Dienst als Diakon in unserem Seelsorgeraum angetreten. Sein Leben hatte  vor geraumer Zeit eine wundersame Kehrtwendung erfahren.
Friedl war hauptverantwortlich in einem Manegement tätig, ist glücklicher Familienvater. 
 Eines Tages vernahm er die Stimme seines Herzens. Sie sprach zu ihm: „ Bist Du glücklich mit Deiner Tätigkeit in diesem Manegement? Ist es das, was Du immer wolltest?“ Ab diesem Zeitpunkt war seine kleine Welt in der er lebte, eine andere geworden. Zweifel überkamen ihm. Gespräche mit einem Freund seines Vertrauens folgten. Sein innerer Wunsch, sein Leben als Diakon Gott zu weihen, nahm Gestalt in seinem Herzen an. Nun galt es auch mit seiner Familie zu sprechen, einen Familienrat einzuberufen. Ein wunderbares Gespräch mit viel Verständnis für den Vater und Ehemann folgte. Nun konnte er seine Ausbildung beginnen und nach 3 Jahren erhielt er die Weihe zum Diakon - und so kam Friedl als Diakon in unseren Seelsorgeraum  mit viel Freude.

Erleichterung von Diakon Friedl, als er mich und meine Flöte wahrnimmt. Es braucht nicht mehr viel Worte – der Gottesdienst beginnt und meine Flöte erklingt, sie verzaubert den Raum. Eine Leichtigkeit umfängt mich, aufstrebend, strahlend. Die Töne purzeln aus meiner Flöte als hätten sie den Himmel erreicht und fallen angefüllt mit unglaublicher Freude in die offenen Herzen der Menschen. Ein langer Ton beendet meine Herzensmelodie – strahlende Augen sind auf mich gerichtet. Stille – hörbare Stille! 
Mit leiser Stimme setzt Diakon Friedl den Wortgottesdienst fort. Aufbauende, heilsame Worte erreichen uns alle –
Dann –  ein Satz aus dem Evangelium: „Ich musste alles zurücklassen!“ Was für eine Aussage! Erinnerungen werden in den BewohnerInnen wach - so manche Träne fließt. Dann die nächste Frage, die Diakon Friedl anstatt einer Predigt stellt: „Was habt Ihr denn alles zurücklassen müssen, beim Eintritt in dieses Seniorenheim?“ Zaghafte, leise Antworten füllen den Raum – wie… meine Familie, mein Haus, meine Selbstständigkeit – und dann fast nicht hörbar, mit brüchiger Stimme…meinen Mann. Tiefe Traurigkeit ist spürbar und eine dunkle Wolke des Abschiednehmens liegt auf uns allen.

…und plötzlich wird in mir eine Frage laut: „Wie geht es Dir mit dem Abschied nehmen, mit dem Loslassen?“ Diese Frage drückt mir schwer auf meine Seele…und sofort tauchen Bilder von Toni auf, der vor 3 Jahren in diese andere Welt ins LICHT gegangen ist. Es war lange Zeit sehr schwer für mich, seinen Weggang zu akzeptieren, bis vor einigen Monaten in mir eine Wandlung geschah. Eine tiefe Dankbarkeit erfüllte mein Herz als ich eine innige Verbundenheit mit Toni spürte, mit dem ich fast 40 Jahre meines Lebens teilen durfte. Diese tiefe Dankbarkeit verwandelte meine große Trauer, meinen Schmerz. Es ist nicht so, dass ich Toni nicht mehr vermissen würde - nein, er fehlt mir nach wie vor. Doch es ist anders geworden. Ich spüre ihn in mir – er ist mir ganz nah und ich bin dankbar, dass er für mich zum Reichtum meines Lebens geworden ist…
und dieses innere Erleben der Dankbarkeit  vieles in mir gewandelt hat.

Gedanken versunken sitze ich da – 
Wie aus der Ferne höre ich Diakon Friedl sprechen: „Was wünscht Ihr Euch?“ Es war wie ein Lichtstrahl  diese Frage, der die dunkle Wolke des Abschiednehmens  überstrahlt hatte. Strahlende Augen, lebendige Gesichter. Viele Worte fallen durcheinander wie… Gesundheit, Besuche, Freude, Frieden auf der Welt…und Diakon Friedl formuliert daraus Fürbitten, die wir miteinander vor Gott bringen. 
Doch dann höre ich unmittelbar vor mir ganz leise eine Frau in  ihrem Rollstuhl sprechen: „Lieber Gott, ich danke Dir für alle Schwestern hier, die uns so liebevoll umsorgen und betreuen. Gib Ihnen auch weiterhin die Kraft dazu…“ 
Es war plötzlich ganz still, so als würde der Himmel herabkommen zu uns und spürbar werden. Eine Frau, selbst in ihrem Leid gefangen, wendet sich liebevoll den Schwestern zu mit einem übervollen, dankbaren Herzen. Es ist eine Sternstunde für mich, dieser Augenblick, den ich tief in meinem Herzen bewege - der mir unvergessen bleibt.

Diakon Friedl setzt den Gottesdienst fort – wir beten gemeinsam das „Vater unser“ und schenken einander im Anschluss einen zärtlichen Blick der Wertschätzung und des Friedens füreinander.

„Wenn Worte fehlen, Schweigen jedoch unmöglich ist, sag es mit deiner Flöte“. Meine Flöte ist für mich ein Geschenk des Himmels. Sie kam ganz unerwartet zu mir. Gaby, eine Lehrmeisterin des Bogenschießens und Flötenbauerin, besuchte uns eines Tages und brachte für Toni, meinem Mann Pfeile, da er sich erst vor kurzem mit der Kunst des Bogenschießens angefreundet hatte. Zufällig hatte sie diese wunderbare Flöte bei sich, die sie vor einiger Zeit angefertigt hatte. Diese Flöte hielt sie ganz behutsam in ihren Händen und sie sagte zu mir: „Diese Flöte habe ich aus einem ganz besonderen Ast einer Weide mit einem Schnitzmesser, kleinen Feilen, Leim und viel Liebe und Geduld hergestellt. Die nordamerikanischen Ureinwohner glauben an den Zauber dieser Herzens- und Liebesflöte – sie wird zum Sprachrohr der Seele für jeden Menschen, der sich mit ihr vertraut macht. Vielleicht verzaubert sie auch dich?“ Der Anblick dieses wundervollen Instruments hatte mich wirklich schon verzaubert, obwohl ich die Töne noch gar nicht gehört hatte. So bat ich Gaby, sie für mich anzuspielen und mir eine Melodie zu schenken. Dieser kostbare Augenblick war es, in dem meine Liebesbeziehung zu dieser Flöte begann. Ihre Klänge berührten mich zutiefst…und ich hatte nur noch den einzigen Wunsch, mich mit dieser Flöte vertraut machen zu dürfen – Toni machte sie mir zum Geschenk – und Gaby sagte: „Wenn die Flöte zu dir kommt, verlässt sie dich nie mehr.“ Dies hat sich bewahrheitet – sie ist ein Teil von mir geworden.

…und so spiele ich auch jetzt – während die BewohnerInnen von Diakon Friedl die Kommunion empfangen – auf meiner geliebten Flöte. Die Freude in meinem Herzen verwandeln die Töne in eine wundervolle Klangwolke, die jetzt über uns allen schwebt und uns dankbar sein lässt für diesen einzigartigen Augenblick. 

Mit dem Zuspruch des Segens für diese Gemeinschaft …und darüber hinaus, beendet Diakon Friedl diesen Gottesdienst. Große Herzlichkeit ist spürbar, als wir uns von den BewohnerInnen verabschieden; wir kehren reich beschenkt in unseren Alltag zurück.

Was bleibt? Ein wohliges Gefühl der Freude und Dankbarkeit in mir, das mich bestärkt, weiterhin offen zu sein für die „Sternstunden“ meines Lebens…
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(3) BARBARAS LUST AUF ...
Charlotte

Barbara kann es nicht fassen. Das Süßigkeitenfach ist tatsächlich abgeschlossen. Ärgerlich rüttelt sie am Schrankknopf, aber es rührt sich nichts. Nur die Kristallgläser klimpern höhnisch im Fach darüber. Barbara lässt sich frustriert in den Ledersessel hinter sich fallen und hält sich die Ohren zu. Aber immer wieder hört sie die süffisante Stimme in ihrem Kopf: Schokolade ist das beste Lebenselixier, denn sie macht dich dick und so träge, wie wenn Schokolade in einen Topf einbrennt.
Nein, Barbara kann es nicht mehr hören und steht entrüstet auf: „Ihr könnt mich alle mal!“
Ich weiß ja, dass ich übergewichtig bin und mit meinen 50 Jahren viel zu schwerfällig. Aber Schokolade ist einfach sooo lecker, so süß und cremig, wenn sie auf meiner Zunge zerfließt und langsam meinen Hals hinunter tropft. Mmmmmmh. In meinem Bauch fühlt sie sich an wie ein wohliges Getränk, das mich wärmt und mich alles leicht und lässig empfinden lässt, schwebend auf Wolke sieben. 
Barbara steht am Wohnzimmerfenster und schaut in den blauen Winterhimmel hinaus. Sehnsuchtsvoll haucht sie. „Ja, du kleine weiße Wolke sieben, ich sehe dich.“
Auf dieser Wolke einfach alles hinter mir lassen, den Stress im Büro, die nervige Musik vom Haus gegenüber, das Gezeter meiner Mutter, die sich ständig wiederholenden Vorwürfe, die Stimme in meinem Kopf, meine Angst alleine zu bleiben und meine Sehnsucht wirklich fliegen zu können. 
Diesen ganzen Schrott mal hinter mir lassen, mühelos von oben alles mal anders anschauen und drauf runter spuken, ja genau, das wäre toll. Einfach fliegen und nicht immer das dumme Pummelchen sein. 
Aber da raunt schon wieder diese süffisante Stimme in ihrem Kopf: „Du kannst nicht fliegen, du weißt doch ganz genau, dass du an die Schwerkraft gebunden bist und nicht einfach abheben kannst.“
Jetzt braucht sie dringend ein Stück Schokolade. Barbara geht zurück zum Schrank und rüttle verzweifelt am Knopf des Süßigkeitenfaches. Es bleibt zu. Ärgerlich stampft sei mit dem Fuß auf. Sie fröstelt. 
Am Abend macht es sich Barbara am Kamin gemütlich. Eingekuschelt in eine Decke sitzt sie vor dem knisternden Feuer. Sie liebt es dem fröhlichen Funkenregen zu folgen. Sie sinniert vor sich hin und die Frage „Warum können die fliegen und ich nicht?“ taucht wie selbstverständlich in ihr auf. Versonnen folgt sie einem besonders leuchtenden orangen Feuerfunken und erschrickt sehr, als dieser auf ihrer rechten Schulter landet. Bevor sie reagieren kann hört sie eine Stimme. Es ist nicht die Stimme in ihrem Kopf, nein, es ist der Funke, der leise, aber bestimmt flüstert: „Du weißt es noch nicht, aber du wirst fliegen.“ Und schwupp die wupp ist der Funke verschwunden. 
Am nächsten Tag läuft sie gedankenverloren zum Supermarkt und wäre fast daran vorbeigelaufen. Der Funke geht ihr einfach nicht aus dem Sinn. Da zupft sie jemand an ihrem rechten Ärmel. Barbara schrickt auf und vor ihr steht ein kleines Mädchen in einem orangenen Mantel. Das Kind streckt ihr seine behandschuhte rechte Faust entgegen. Barbara spürt ein Kitzeln im Gaumen und leckt sich mit ihrer Zunge über die trockenen Lippen. Erst jetzt öffnet das Mädchen langsam seine Faust und in der kleinen Hand liegt es: ein kleines köstliches braunes Stück Schokolade. Mmmmmmh, endlich. Noch getraut sie sich nicht der Kleinen die Schokolade aus der Hand zu nehmen. Und dann hört sie ihn, den Satz: "Du musst wissen, das ist Luftschokolade und wenn du die isst, kannst du fliegen."
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(4) SAMMY
Michaela Michalsky

Sammy steht jeden Abend am Fenster und wartet auf Papa.

Erst vor kurzem ist Sammy mit seinen Eltern in eine  kleine Stadt gezogen. Hier gibt es viel Schnee  und Eis.  Kleine bunte Häuser. Aber auch wilde Tiere wie Robben oder Eisbären zum Beispiel. Aber davon hat sich noch keins sehen lassen.

Weit entfernt von Oma und Opa. Weit entfernt von seinen Freunden wohnt Sammy jetzt. Im Schneeland. In einer fremden Stadt, fremde Schule, fremde Kinder. Kinder, die lachen, wenn Sammy spricht. Die Wörter wollen nicht aus seinem Mund herauskommen. Bleiben stecken oder purzeln mal schneller, mal langsamer heraus.
Sammy  denkt oft an seine alte Heimat. Oma hat ihn Dienstags von der Schule abgeholt. Wie er sich gefreut hat, wenn sie am Schultor stand und winkte. Zum Mittagessen gab es dann Pfannkuchen.Zusammengerollt mit viel Apfelmus und Zimt mit Zucker. Sammy durfte dann mit den Händen essen. Auch wenn der Apfelmus dann über seine Hand tropfte. 
Und er denkt auch an Opa. 

Sammy schaut aus dem Fenster. Schaut in die von Schnee bedeckte Landschaft. Schneeflocken tanzen vor seiner Nase. So als wollten sie ihn einladen. Einladen zum Tanz. Sammy liebt den Schnee. Wie er duftet und glitzert. So viel Schnee gab es nicht in seinem früheren Zuhause. 
Papa ist noch immer nicht da
Papa arbeitet hier auf einem Polarschiff. Auch Sammy möchte später Polarforscher werden. .

Eines Nachts wird Sammy wach.  Etwas klappert draußen an den Mülltonnen. Leise schleicht Sammy durch das Haus, um die Mutter nicht zu wecken. Er öffnet die Tür zum Hof hinter dem Haus, wo die Mülltonnen stehen. Sammy bleibt wie angewurzelt stehen. Glaubt seinen Augen nicht zu trauen. Da sitzt ein Eisbär neben der Tonne und frisst genüsslich ein Stück Pizza, Pizza die vom Abendessen übrig geblieben ist. Als der Eisbär Sammy sah, ließ er sich überhaupt nicht stören. Eisbären sind ja bekanntlich sehr gefährlich. Dieser Geselle macht aber einen gutmütigen Eindruck.
Also setzt Sammy sich auf die Treppenstufe vor die Tür und sieht dem Eisbär beim Essen zu. Mit Sicherheitsabstand -  versteht sich - . Man kann ja nicht wissen, was so einem Bären einfällt.
Nachdem die Pizza verschlungen ist, brummt der Bär kurz in Sammys Richtung und geht seinen Weg.

Zum Abendessen bestellt Sammy so oft es möglich ist Pizza. Vielleicht kommt der Eisbär noch einmal zu ihm. Ja, vielleicht können sie Freunde werden.

In einer Nacht träumt Sammy.  Er steht auf einer großen Eisscholle ein Stück vom Ufer entfernt. Mitten im Schneesturm , zitternd vor Kälte. Sammy war auf der Suche nach Papa. Papa war am Abend nicht nach Hause gekommen und Sammy wollte zum Polarschiff.
Plötzlich befand er sich auf dieser Eisscholle. Sammy weiß, dass bei Sturm Helikopter nicht fliegen können und schon gar nicht landen. Angst überfiel ihn. Was nun? Da kam auf einmal etwas auf ihn zu geschwommen. Etwas weißes, großes. Sammy erkennt den Eisbären wieder. Der Eisbär, der sich aus der Mülltonne die Pizza geholt hat. Was für eine Freude. Plötzliches scheppern. Sammy steht fast im Bett. Völlig verwirrt. Erleichtert darüber, dass es nur ein Traum war. Ihm ist kalt. Da scheppert es wieder. Schnell zieht sich Sammy dicke Socken und seine Jacke an. Schnappt sich noch im Vorbeigehen Mütze und Handschuhe. Nun kann es  Sammy kaum erwarten, zu den Mülltonnen zu kommen. Sammy läuft so schnell wie es eben geht, wenn es leise gehen muss, zu den Mülltonnen.
Die Freude ist groß, als er den Bären sieht. Auch der Bär scheint sich zu freuen. Er schaut Sammy lange und gutmütig an. So gutmütig, wie ein Bär eben schauen kann. Eine Freundschaft beginnt.

Gedicht

Ein Eisbär frißt gerne Pizza
er wäre so gern in Nizza
in einem Restaurante
mit seiner Tante.

Nun sitzt er aber voller Wonne
neben einer großen Tonne
im tiefen Schnee
Juchee

Letztendlich ist ihm das schnurz piep egal
wo er einnimmt sein Abendmahl.
Hauptsache es gibt Pizza
ob am Nordpol oder in Nizza.


***

Fragen:

  Können in dieser Geschichte Sammy und der Eisbär Freunde werden oder muss ich mich an die Realität halten? 
  Hast Du eine Idee, wie es eine gute Kindergeschichte werden kann? Gibt es Regeln für Kindergeschichten?
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