Behandeln wir Männer und Frauen eigentlich gleich?

Geschlecht in der Psychiatrie — das Wichtigste in Kürze

In diesem Gastvortrag geht Sabrina Idzko der Frage nach, ob sich psychische Erkrankungen zwischen den Geschlechtern unterscheiden — und wie sehr Forschung, Diagnostik und unsere eigenen Vorannahmen davon geprägt sind.

Die Kernpunkte:

  • Sex vs. Gender: Unterschieden wird das biologische Geschlecht (Chromosomen, Hormone, Organe) von der Geschlechtsidentität — beide können auseinanderfallen, und beide spielen für psychische Gesundheit eine Rolle.
  • Biologische Unterschiede gibt es: Hormone wie Testosteron und Östrogen, Immunzellen, Schmerzverarbeitung und Hirnregionen (z.B. Amygdala, Corpus callosum) unterscheiden sich — bei Autismus etwa wird Östrogen als möglicher Schutzfaktor diskutiert.
  • Die Forschung hat ein Datenproblem: Frauen waren und sind in Studien unterrepräsentiert (ein Großteil pharmakologischer und tierexperimenteller Studien lief überwiegend an männlichen Probanden) — wir wissen über Frauen oft schlicht weniger.
  • Diagnostik ist anfällig für Bias: Diagnosen, die dem Geschlechterklischee entsprechen, sollte man kritisch hinterfragen. Frauen mit Autismus z.B. bleiben oft länger unentdeckt, weil sie sozial unauffälliger wirken.
  • Eigene Vorannahmen prüfen: Hilfreich ist der gedankliche Perspektivwechsel "Hätte ich einen Mann/eine Frau vor mir — welche Diagnosen würde ich explorieren?", dazu Supervision, inklusive Sprache und der Verzicht auf stigmatisierende Begriffe.

Merke: Geschlecht beeinflusst psychische Erkrankungen biologisch und sozial — am wichtigsten ist, die eigenen Vorannahmen und die Lücken der Studienlage zu kennen, statt Klischees unhinterfragt in die Diagnostik einfließen zu lassen.