Nervensystemgerechte Pferdeausbildung - Nachhaltigkeit beginnt im Nervensystem
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Pferdeausbildung ist immer auch Nervensystemausbildung

Wenn wir über nachhaltige Pferdeausbildung sprechen, stehen häufig Biomechanik, Muskelaufbau, Beweglichkeit, Koordination, Kondition und die korrekte Ausführung von Lektionen im Mittelpunkt. Diese Faktoren sind wichtig. Sie beschreiben jedoch nur einen Teil dessen, was während des Trainings tatsächlich geschieht. Denn bevor eine Bewegung sichtbar werden kann, muss sie neuronal organisiert werden.

Das Nervensystem nimmt fortlaufend Informationen aus der Umwelt und aus dem eigenen Körper auf, verarbeitet und gewichtet sie und erzeugt daraus eine passende motorische Antwort. Sehen, Hören, Gleichgewicht, Propriozeption, Berührung, innere Körperzustände und zahlreiche weitere Informationen treffen dabei nicht unabhängig voneinander ein. Sie müssen integriert werden, damit das Pferd seine Position im Raum einschätzen, Bewegungen planen, Gleichgewicht regulieren und auf Veränderungen reagieren kann.


Das bedeutet: Wir trainieren niemals ausschließlich Muskeln oder Bewegungen. Wir trainieren immer ein Nervensystem mit.


Eine Volte ist deshalb neurologisch betrachtet nicht einfach eine gebogene Linie. Das Pferd muss seine Position im Raum bestimmen, Bewegungsrichtung und Geschwindigkeit erfassen, Gleichgewicht organisieren, die Stellung seiner Gelenke wahrnehmen, sensorische Informationen verarbeiten, die Hilfen des Menschen einordnen und daraus fortlaufend Bewegung erzeugen und anpassen.
Was von außen einfach aussieht, kann für das Nervensystem eine komplexe Aufgabe sein.


Motorik ist das sichtbare Ergebnis eines unsichtbaren Prozesses

Im Pferdetraining beurteilen wir zwangsläufig vieles anhand dessen, was wir sehen oder fühlen können. Takt, Losgelassenheit, Bewegungsqualität, Stellung, Biegung, Gleichgewicht, Reaktionsfähigkeit oder die Ausführung einer bestimmten Lektion sind beobachtbare Ergebnisse.
Doch Motorik steht am Ende einer langen Verarbeitungskette.


Sensorische Informationen müssen zunächst aufgenommen und im Nervensystem verarbeitet werden. Auf dieser Grundlage werden Bewegungsprogramme ausgewählt, angepasst und ausgeführt. Gleichzeitig erhält das Gehirn fortlaufend neue Rückmeldungen darüber, welche Folgen die gerade ausgeführte Bewegung hat. Bewegung ist deshalb kein einmal erteilter Befehl, sondern ein permanenter Regelkreis aus Wahrnehmen, Verarbeiten, Handeln und erneutem Wahrnehmen.
Das ist für die Pferdeausbildung von großer Bedeutung.


Wenn eine Bewegung nicht gelingt, bedeutet das nicht automatisch, dass ausschließlich die Muskulatur, die Beweglichkeit oder die technische Ausführung das Problem darstellen. Auch die Qualität oder Gewichtung sensorischer Informationen, die Gleichgewichtsregulation, die Körperwahrnehmung, die Aufmerksamkeit oder der aktuelle Aktivierungszustand können beeinflussen, welche motorische Lösung einem Pferd in diesem Moment zur Verfügung steht.


Damit entsteht eine wichtige Frage für die Praxis:
Versuchen wir gerade motorisch zu korrigieren, was möglicherweise sensorisch oder regulatorisch beginnt?


Jede Übung besitzt mehr als einen Schwierigkeitsgrad

Eine Aufgabe besitzt nicht nur einen motorischen Schwierigkeitsgrad. Sie besitzt auch einen sensorischen und regulatorischen Schwierigkeitsgrad.

Eine Acht kann beispielsweise motorisch wenig anspruchsvoll erscheinen. Gleichzeitig verändert das Pferd fortlaufend seine Bewegungsrichtung, seine räumliche Orientierung und die Kurvenrichtung. Visuelle, vestibuläre und propriozeptive Informationen müssen kontinuierlich neu miteinander abgeglichen werden. Kommen äußere Reize, ein ungewohnter Untergrund, hohe Geschwindigkeit, Unsicherheit oder anspruchsvollere Hilfen hinzu, verändert sich die Gesamtanforderung weiter.
Deshalb kann dieselbe Übung für dasselbe Pferd an unterschiedlichen Tagen unterschiedlich schwierig sein.


Das bedeutet nicht automatisch, dass das Pferd etwas „vergessen“ hat oder nicht kooperieren möchte. Die verfügbare Leistungsfähigkeit eines biologischen Systems ist nicht vollkommen konstant. Erregungsniveau, Müdigkeit, vorausgegangene Belastungen, Umweltreize, Motivation, körperliches Befinden und zahlreiche weitere Faktoren können beeinflussen, wie Informationen verarbeitet und Bewegungen organisiert werden. Können und Verfügbarkeit sind deshalb nicht dasselbe.
Ein Pferd kann eine Fähigkeit grundsätzlich erworben haben und sie unter bestimmten Bedingungen trotzdem nicht in derselben Qualität abrufen.


Regulation bedeutet nicht Beruhigung

Im Zusammenhang mit dem Nervensystem wird Regulation häufig mit Entspannung oder Beruhigung gleichgesetzt. Das greift zu kurz.

Ein leistungsfähiger Organismus muss seinen Aktivierungszustand flexibel an die jeweilige Situation anpassen können. Für Bewegung, Aufmerksamkeit und Lernen ist Aktivierung notwendig. Ein Pferd soll also keineswegs möglichst dauerhaft ruhig oder niedrig aktiviert sein.


Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit, den eigenen Zustand an wechselnde Anforderungen anzupassen. Aktivierung muss erhöht werden können, wenn eine Situation dies erfordert, und anschließend wieder reduziert werden können. Nach einer Irritation sollte Orientierung wieder möglich werden. Nach Anstrengung sollte Erholung folgen können. Aufmerksamkeit sollte fokussiert, aber auch wieder gelöst und neu ausgerichtet werden können.


Aus dieser Perspektive ist Regulation keine bestimmte Stimmung, sondern Anpassungsfähigkeit.
Für die Ausbildung bedeutet das, dass wir nicht nur beobachten sollten, wie viel Aktivierung ein Pferd zeigt, sondern auch, wie flexibel es damit umgehen kann.
Wie schnell findet es nach einer Irritation zurück? Kann es innerhalb einer Aufgabe weiter Informationen aufnehmen? Kann es zwischen Anstrengung und Erholung wechseln? Bleibt seine Bewegungsorganisation auch dann erhalten, wenn Anforderungen steigen?


Diese Fragen können für die Einschätzung einer Trainingseinheit mindestens ebenso interessant sein wie die Frage, ob eine Lektion formal gelungen ist.


Lernen braucht eine bewältigbare Herausforderung

Nachhaltiges Lernen entsteht weder ausschließlich in maximaler Entspannung noch durch permanente Überforderung. Lernen benötigt Herausforderung. Ein Nervensystem muss Unterschiede wahrnehmen, Erfahrungen sammeln, Vorhersagen überprüfen und motorische Lösungen anpassen können.

Entscheidend ist deshalb nicht, jede Schwierigkeit aus dem Training zu entfernen. Entscheidend ist die Dosierung. Eine Aufgabe sollte anspruchsvoll genug sein, um Anpassung anzuregen, aber bewältigbar genug, damit das Pferd weiterhin Informationen aufnehmen, Lösungen ausprobieren und aus den Folgen seiner Bewegung lernen kann.


Wird die Gesamtanforderung zu hoch, können Schutz- und Bewältigungsstrategien stärker in den Vordergrund treten. Das kann sich beispielsweise in erhöhter Muskelspannung, Beschleunigung, Verlangsamung, Erstarren, Ausweichbewegungen, Verlust von Bewegungsqualität oder einer starken Orientierung an Umweltreizen zeigen. Einzelne dieser Verhaltensweisen erlauben für sich genommen allerdings keine sichere Aussage über einen bestimmten inneren Zustand. Sie müssen immer im Kontext des individuellen Pferdes und der jeweiligen Situation betrachtet werden.
Nervensystemgerechtes Training bedeutet deshalb nicht, jedes Anzeichen von Anstrengung zu vermeiden. Es bedeutet, Belastung so zu gestalten, dass Anpassung wahrscheinlicher wird als bloße Bewältigung.


Wiederholung ist wichtig – aber Wiederholung allein reicht nicht

Das Nervensystem verändert sich durch Erfahrung. Wiederholungen spielen deshalb beim motorischen Lernen eine wichtige Rolle. Doch entscheidend ist nicht nur, wie oft etwas wiederholt wird, sondern auch, was dabei wiederholt wird.

Wird eine Bewegung immer wieder unter hoher Spannung, mit Ausweichstrategien oder unter Bedingungen ausgeführt, unter denen das Pferd kaum eine alternative Lösung findet, sammelt das Nervensystem ebenfalls Erfahrung. Wiederholung macht eine Bewegung nicht automatisch funktionaler.


Ausbildung sollte deshalb nicht ausschließlich danach fragen, wie viele Wiederholungen durchgeführt wurden, sondern welche Qualität von Erfahrung diese Wiederholungen erzeugt haben.
Manchmal kann eine kleine Veränderung der Aufgabe deshalb wertvoller sein als zehn weitere Versuche: eine größere Linie, ein niedrigeres Tempo, eine kurze Pause, eine Veränderung der Position, ein anderer Untergrund, weniger gleichzeitige Anforderungen oder eine Aufgabe, die dem Pferd zusätzliche Orientierung ermöglicht. Nicht jede Schwierigkeit braucht mehr Wiederholung. Manche brauchen bessere Bedingungen.


Nachhaltigkeit zeigt sich in Anpassungsfähigkeit

Ein interessanter Maßstab für Ausbildungsfortschritt ist deshalb nicht nur, ob eine bestimmte Aufgabe unter bekannten Bedingungen funktioniert. Entscheidend ist zunehmend auch, ob eine erworbene Fähigkeit unter leicht veränderten Bedingungen verfügbar bleibt.

Kann das Pferd eine Bewegung auf einer anderen Linie organisieren? In einer anderen Umgebung? Bei einer geringfügig höheren Anforderung? Kann es nach einem Fehler eine neue Lösung finden? Kann es nach einer Unterbrechung wieder an die Aufgabe anknüpfen?


In der Lernforschung spielen dabei Begriffe wie Generalisierung, Transfer und Variabilität eine wichtige Rolle. Ein stabiles motorisches System zeichnet sich nicht dadurch aus, dass es ausschließlich eine einzige perfekte Lösung reproduziert. Es muss Bewegungen an wechselnde Bedingungen anpassen können. Gerade darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Reproduktion und tatsächlicher Kompetenz.


Das Ziel sollte nicht das Pferd sein, das eine Aufgabe nur dann zuverlässig ausführen kann, wenn möglichst alle Bedingungen identisch bleiben. Ausbildung sollte langfristig ein System hervorbringen, das mit Veränderungen umgehen kann.


Der Körper liefert uns Informationen

Nervensystemgerechte Pferdeausbildung verändert damit auch unseren Blick auf Fehler.
Ein Verlust des Gleichgewichts, eine veränderte Bewegungsqualität, ein Ausweichen, eine plötzlich schlechter werdende Koordination oder eine zunehmende Spannung sind zunächst Informationen.
Sie sagen uns nicht automatisch, warum etwas geschieht. Aber sie können uns zeigen, dass die aktuelle Lösung für das Pferd schwieriger geworden ist.


Anstatt jede Abweichung sofort zu korrigieren, können wir deshalb zunächst beobachten: Wann verändert sich die Bewegung? Nach welcher Anforderung? Auf welcher Hand? Bei welchem Tempo? Was passiert, wenn die Aufgabe vereinfacht wird? Was verändert eine Pause? Was geschieht bei einer anderen Linienführung?


Damit wird Training zunehmend zu einem Prozess aus Hypothese, Beobachtung, Anpassung und erneuter Beobachtung. Und genau an dieser Stelle treffen Wissenschaft und gute Pferdeausbildung erstaunlich unmittelbar aufeinander.


Nervensystemgerecht bedeutet nicht, Biomechanik zu ersetzen

Die Beschäftigung mit dem Nervensystem soll biomechanisches Wissen nicht ersetzen. Ebenso wenig ersetzt sie Training, Kraftentwicklung, Konditionierung, Beweglichkeit oder sorgfältig aufgebaute gymnastizierende Arbeit.

Sie ergänzt diese Bereiche um eine entscheidende Frage: Unter welchen Bedingungen kann dieses Pferd diese Bewegung heute sinnvoll organisieren und daraus lernen?


Damit verschiebt sich der Blick von der reinen Ausführung einer Aufgabe auf den Prozess, durch den sie entsteht. Wir betrachten nicht nur das sichtbare Ergebnis. Wir betrachten das System, das dieses Ergebnis hervorbringen muss.


Nachhaltigkeit beginnt im Nervensystem

Nachhaltige Pferdeausbildung bedeutet deshalb nicht, möglichst langsam vorzugehen. Und nervensystemgerecht bedeutet nicht, Anforderungen grundsätzlich niedrig zu halten. Es bedeutet, Anforderungen so zu wählen, dass das Pferd daran wachsen kann.

Manchmal braucht es dafür einen Schritt nach vorne. Manchmal eine höhere Anforderung. Manchmal Variation. Manchmal Wiederholung. Manchmal eine Pause. Und manchmal müssen wir eine Aufgabe so verändern, dass das Nervensystem eine andere Erfahrung machen kann.
Der entscheidende Perspektivwechsel liegt darin, Fortschritt nicht ausschließlich daran zu messen, was wir aus dem Pferd herausbekommen, sondern auch daran, was im Pferd zurückbleibt.


Hat es eine bessere Lösung gefunden?
Ist eine Bewegung leichter verfügbar geworden?
Kann es flexibler auf Veränderungen reagieren?
Braucht es weniger Aufwand für dieselbe Aufgabe?
Kann es Gelerntes zunehmend auf andere Situationen übertragen?


Dann beginnt Training, Ausbildung zu werden. Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Bedeutungen von Nachhaltigkeit in der Pferdeausbildung:

Sensory Riding - The Missing Piece - Nervensystemregulation möchte nicht nur Bewegungen erzeugen. Wir möchten ein System entwickeln, das immer besser darin wird, Bewegung selbstständig, flexibel und angemessen zu organisieren.