Die Zukunft beginnt im Kopf
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Alles beginnt mit einer Idee

Dieses Programm wurde aus einer Idee geboren, die alles verändert hat: Vielleicht fehlt den meisten Pferden gar nicht mehr Training. Vielleicht fehlt ihnen das eine entscheidende Puzzleteil, das ihr Nervensystem, ihre Wahrnehmung und ihre Bewegung endlich sinnvoll miteinander verbindet.

Aus dieser Idee entstand eine jahrelange Suche nach den Mechanismen, die nachhaltige Entwicklung wirklich ermöglichen. Nicht nach der nächsten Methode. Sondern nach einem neuen Verständnis von Pferdeausbildung.

Genau dieses Verständnis bildet heute das Fundament von The Missing Piece - Nervensystemregulation.

Bevor wir verändern, müssen wir es uns vorstellen können

Wir verbringen erstaunlich viel Zeit damit, auf das zu schauen, was noch nicht funktioniert. Das Hinterbein ist nicht stabil genug, die Schulter fühlt sich fest an, die Balance geht verloren oder eine Übung klappt an einem Tag wunderbar und am nächsten scheinbar überhaupt nicht mehr. 

Natürlich ist es wichtig, hinzusehen, zu beobachten und herauszufinden, was hinter einem Problem steckt. Aber bevor wir damit beginnen, möchte ich mit dir etwas ganz anderes machen: Ich möchte den Blick einmal wegnehmen von dem, was gerade ist, und ihn auf das richten, was einmal sein könnte.

Denn jede Veränderung beginnt mit einer Idee. Mit einem Gedanken, einem Bild oder der Vorstellung davon, dass etwas auch anders sein könnte. Bevor wir also über Trainingspläne, Übungen und konkrete nächste Schritte sprechen, möchte ich dir helfen, ein Bild davon entstehen zu lassen, wohin eure gemeinsame Entwicklung überhaupt führen könnte.

Dein Gehirn kann etwas sehen, das noch gar nicht existiert

Unser Gehirn ist nicht darauf beschränkt, die Welt so abzubilden, wie sie gerade vor uns liegt. Wir können uns erinnern, vorausdenken, Situationen gedanklich durchspielen und aus Dingen, die wir bereits kennen, etwas zusammensetzen, das wir in genau dieser Form noch nie erlebt haben.

Die Forschung spricht in diesem Zusammenhang unter anderem von Episodic Future Thinking – unserer Fähigkeit, mögliche zukünftige Ereignisse innerlich zu konstruieren. Dafür greift das Gehirn auf vorhandenes Material zurück: Erfahrungen, Wissen, Bilder, Gefühle und Körperempfindungen. Einzelne Bestandteile davon können neu miteinander kombiniert werden. Aus dem, was bereits da ist, entsteht so die Vorstellung von etwas, das noch gar nicht passiert ist: eine mögliche Zukunft.
Das bedeutet auch: Du musst etwas noch nie genau so erlebt haben, um beginnen zu können, es dir vorzustellen. Dein Gehirn kann Bekanntes neu zusammensetzen und daraus Möglichkeiten entstehen lassen. Genau diese Fähigkeit möchte ich für deine Arbeit mit deinem Pferd nutzen.

Was wäre, wenn du noch nicht wissen müsstest, wie?

Vielleicht kennst du das: Du bemerkst ein Problem und dein Kopf ist sofort bei der Lösung. Welche Übung könnte ich machen? Was muss ich verbessern? Braucht mein Pferd mehr Kraft, mehr Mobilität oder eine andere Hilfengebung? Was hat meine Trainerin dazu gesagt? Was hat beim letzten Mal funktioniert?

Unser Gehirn greift dabei gerne auf Bekanntes zurück. Das ist effizient und im Alltag ausgesprochen hilfreich. Es bedeutet aber auch, dass wir sehr schnell innerhalb jener Möglichkeiten denken, die wir bereits kennen. Wenn wir sofort nach einer Lösung suchen, kann genau das unsere Vorstellung davon begrenzen, was darüber hinaus möglich wäre.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle noch gar keine Lösung von dir. Statt zu fragen: Wie bekomme ich dieses Problem weg?, stellen wir eine andere Frage: Wie könnte es stattdessen sein?
Dieser kleine Perspektivwechsel öffnet einen völlig anderen Denkraum.

Vielleicht ist dein eigentliches Ziel viel größer

Nehmen wir an, dein Schulterherein funktioniert nicht so, wie du es dir wünschst. Natürlich könnten wir sofort analysieren, woran das liegt. Aber vielleicht ist ein besseres Schulterherein gar nicht das, wonach du dich wirklich sehnst.
Vielleicht wünschst du dir eigentlich ein Pferd, das seinen Körper immer besser selbst organisieren kann. Ein Pferd, das sich stabil anfühlt, ohne fest zu werden, das beweglich sein kann, ohne seine Balance zu verlieren, und das neue Aufgaben neugierig annimmt. Vielleicht möchtest du nicht jeden einzelnen Schritt korrigieren müssen, sondern erleben, dass dein Pferd zunehmend eigene gute Lösungen findet.

Und vielleicht verändert sich in deiner Vorstellung nicht nur dein Pferd. Vielleicht siehst du auch dich selbst anders. Du sitzt im Sattel und musst nicht permanent kontrollieren. Du kannst fühlen, beobachten und reagieren. Du verstehst immer besser, was dein Pferd dir zeigt. Und wenn etwas nicht funktioniert, bedeutet das nicht automatisch, dass etwas schlecht ist. Es wird zu einer Information, mit der du weiterarbeiten kannst.

Plötzlich sprechen wir nicht mehr nur über ein besseres Schulterherein. Wir sprechen darüber, wie sich eure gemeinsame Entwicklung anfühlen könnte. Und genau deshalb ist eine Vision größer als ein einzelnes Trainingsziel.

Phantasie ist keine Zeitverschwendung

Gerade wenn du gewohnt bist, Probleme zu analysieren und möglichst schnell Lösungen zu finden, kann die Aufforderung, einfach einmal zu phantasieren, zunächst etwas unproduktiv wirken. Dabei ist Vorstellungskraft eine bemerkenswerte Fähigkeit unseres Gehirns.

Wenn wir uns erinnern, über uns selbst nachdenken, Zusammenhänge herstellen oder mögliche zukünftige Situationen konstruieren, ist unter anderem ein Netzwerk beteiligt, das als Default Mode Network bezeichnet wird. Es gibt dabei weder ein einzelnes „Phantasiezentrum“ noch einen kleinen Bereich im Gehirn, der allein für Kreativität verantwortlich wäre. Kreatives Denken entsteht vielmehr durch das Zusammenspiel verschiedener Netzwerke.

Ein Teil unseres Denkens kann zunächst suchen, assoziieren, kombinieren und unterschiedliche Möglichkeiten entstehen lassen. Andere Systeme helfen anschließend dabei, diese Ideen zu prüfen, auszuwählen und weiterzuentwickeln. Vereinfacht gesagt brauchen wir für Kreativität deshalb beides: einen Raum, in dem zunächst vieles entstehen darf, und anschließend die Fähigkeit, aus diesen Möglichkeiten auszuwählen.

Für unsere Arbeit bedeutet das: Erst entstehen Möglichkeiten. Dann werden sie bewertet. Nicht umgekehrt.

Der innere Kritiker darf kurz draußen warten

Genau deshalb möchte ich dich im nächsten Schritt um etwas bitten: Versuche nicht sofort, deine eigene Vision zu korrigieren. Vielleicht taucht ein Gedanke auf und unmittelbar danach meldet sich dein Kopf: Das geht bei meinem Pferd sowieso nicht. Dafür sind wir noch lange nicht weit genug. Das ist unrealistisch. Das kann ich nicht. Dafür fehlt uns etwas.

Diese Gedanken dürfen später wiederkommen. Wir werden die Realität nicht ignorieren. Im Gegenteil: Wir werden uns noch sehr genau damit beschäftigen, wo dein Pferd heute steht, welche Voraussetzungen es mitbringt und was es für seine weitere Entwicklung tatsächlich braucht.
Aber noch nicht.

Jetzt darf dein Gehirn zunächst Möglichkeiten produzieren, bevor du beginnst, sie auszusortieren. Denn wenn jede Idee bereits im Moment ihres Entstehens auf ihre Machbarkeit überprüft wird, bekommt Phantasie kaum eine Chance.

Mach das Bild größer

Deshalb möchte ich auch nicht nur wissen, was dein Pferd irgendwann können soll. Mach deine Vorstellung größer. Wie steht dein Pferd da? Wie bewegt es sich? Wie fühlt sich sein Körper unter dir an? Wie reagiert es auf neue Aufgaben? Wie schnell findet es zurück, wenn etwas schwierig wird? Wie fühlt sich ein ganz gewöhnlicher Trainingstag an? Wie kommuniziert ihr miteinander?

Und dann geh noch einen Schritt weiter: Wie bist du in dieser Zukunft?
Vielleicht bist du ruhiger und entscheidest schneller. Vielleicht zweifelst du weniger. Vielleicht kannst du einen schlechten Tag stehen lassen, ohne sofort eure gesamte Ausbildung infrage zu stellen. Vielleicht erkennst du früher, wann dein Pferd Unterstützung braucht – und wann es einfach Zeit braucht, selbst eine Lösung zu finden. Vielleicht macht Training wieder neugierig. Nicht nur dein Pferd, sondern auch dich.

Eine Vision muss deshalb nicht ausschließlich beschreiben, wie dein Pferd irgendwann aussehen oder was es können soll. Sie kann auch beschreiben, wie ihr miteinander sein möchtet.

Versuch, deine Zukunft zu erleben

Je konkreter eine Vorstellung wird, desto interessanter wird diese Übung. Schreib deshalb nicht nur: „Mein Pferd soll besser ausbalanciert sein.“ Versuch für einen Moment, dir vorzustellen, wie sich diese Balance tatsächlich anfühlen würde. Wie würde dein Pferd eine Wendung gehen? Wie würde sich sein Rücken unter dir anfühlen? Wie viel müsstest du noch tun? Wie würde sich dein eigener Körper dabei verändern?

Vielleicht entsteht dabei kein klares Bild. Das muss es auch nicht. Vielleicht ist es eher ein Gefühl, ein Geräusch, ein Bewegungsrhythmus, eine bestimmte Situation oder nur ein einziger Satz. Nutze das, was auftaucht. Es gibt hier keine richtige Vision. Es gibt nur deine.

Versuche deshalb nicht nur zu formulieren, was dein Pferd können soll, sondern auch, wie es aussieht, klingt und sich anfühlt, wenn eure Entwicklung in eine für euch gute Richtung geht.

Erst Vision. Dann Realität.

Natürlich bleiben wir nicht beim Träumen stehen. Wir werden uns anschließend anschauen, wo ihr heute tatsächlich steht. Wir werden beobachten, analysieren und Zusammenhänge herstellen. Und wir werden uns fragen, welche Voraussetzungen dein Pferd braucht, damit aus einzelnen Möglichkeiten irgendwann Fähigkeiten werden können.

Aber die Reihenfolge ist wichtig. Zuerst öffnen wir den Raum und fragen: Was könnte möglich sein? Danach werden wir konkreter: Was davon ist wirklich wichtig? Was passt zu meinem Pferd? Was ist bereits vorhanden? Was fehlt noch? Und welcher nächste Schritt ergibt sich daraus?
Genau deshalb beginnt unsere Arbeit nicht mit einem Trainingsplan. Sie beginnt mit deiner Vorstellungskraft.

Und jetzt bist du dran

Für das folgende Workbook (siehe Unterkapitel WORKBOOKS, Workbook 1) möchte ich dich deshalb bitten, dein Pferd für einen Moment nicht zu analysieren. Repariere nichts. Plane nichts. Suche keine Übungen und vergiss für ein paar Minuten, was angeblich richtig oder falsch ist. Sei einfach neugierig. Auf dein Pferd, auf dich, auf euch – und auf eine Zukunft, die es heute vielleicht noch nicht gibt.

Wenn alles möglich wäre: Wie würdest du dir die Entwicklung deines Pferdes wünschen?

Wusstest du schon: dass wir überhaupt eine Zukunft entwerfen können, hängt eng mit unserer Fähigkeit zusammen, uns an Erfahrungen zu erinnern und neu miteinander zu kombinieren. Forschungsarbeiten von Schacter, Addis und Kolleg:innen zeigen, dass Erinnern und das Vorstellen zukünftiger Ereignisse teilweise auf gemeinsame neuronale Prozesse zurückgreifen. Unser Gehirn kann Bestandteile vergangener Erfahrungen flexibel neu zusammensetzen und daraus mögliche zukünftige Situationen konstruieren.

Auch die Kreativitätsforschung zeigt, dass Kreativität nicht die Leistung eines einzelnen „Kreativzentrums“ ist. Sie entsteht durch das Zusammenspiel verschiedener Netzwerke – unter anderem solcher, die spontanes, selbstgeneriertes Denken ermöglichen, und solcher, die Aufmerksamkeit, Kontrolle und Bewertung unterstützen.

Vereinfacht gesagt: Dein Gehirn kann aus dem, was es kennt, eine Möglichkeit erschaffen, die es so noch nicht erlebt hat. Und genau damit beginnen wir.