Strenger Vater vs. sorgendes Elternteil: Wie Familienmodelle uns unbewusst beeinflussen

Artikel von Madeleine Franck, erschienen in der SitzPlatzFuss 41

Nicht für alle Hundehalter ist „Dominanz" ein Reizwort. Für viele, vielleicht sogar für die meisten, ist die Dominanztheorie nach wie vor DAS Erklärungsmodell für Hundeverhalten. In der Hundewelt geht es scheinbar ständig darum, wer wann „der Chef" ist – egal ob gerade Hund-Hund- oder Hund-Mensch-Beziehungen beobachtet werden. Für mich als Trainerin ist es oft schwer auszuhalten, dass andere Menschen in diesen Kategorien denken. Besonders, wenn sie es meiner Meinung nach doch längst besser wissen müssten, weil sie z.B. schon Kurse in unserer Hundeschule absolviert haben. Woran liegt es, dass Wissen allein nicht reicht, um unser Denken und Handeln zu verändern?


Denken in Metaphern
George Lakoff, Professor für kognitive Wissenschaft und Linguistik, sagt, wir denken, sprechen und handeln in Metaphern. Die Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen, bestimmen unser Denken. Besonders stark wirken sich die Erfahrungen der ersten Lebensjahre aus, denn sie bestimmen, wie sich unser Gehirn entwickelt. Während wir aufwachsen, lernen wir eine Fülle von Metaphern, neuronale Verbindungen werden ausgebaut, andere verkümmern und dabei formt sich unser Denkvermögen. Damit ist physisch vorbestimmt, auf welche Art zu denken wir überhaupt fähig sind.
Der weitaus größte Teil unseres Denkens läuft unbewusst ab. Metaphern sind Teil dieses unbewussten Denkens. Der erste Schritt, um sein eigenes Denken und Handeln zu verändern, ist daher sich die mentalen Konzepte hinter den eigenen Gedanken bewusst zu machen.


Der Einfluss der Sprache
Je öfter uns bestimmte Metaphern in der Sprache begegnen, desto stärker wirken sie auf unser Denken. Das Buch eines bekannten deutschen Hundetrainers heißt beispielsweise „Hunde brauchen klare Grenzen. Gesetze einer Freundschaft". Der Werbetext verrät, dass zu einer guten Beziehung „Konfliktbereitschaft" seitens des Menschen gehöre, dass Grenzen dem Hund „Sicherheit" vermitteln und er beantwortet die Frage „Warum unsere Hunde Tyrannen werden" mit Mängeln in der Erziehung.
Gesetze, Konflikte, Sicherheit, Tyrannen – die Sprache zeichnet starke Bilder im Kopf, die Emotionen und Reaktionen beim Gegenüber erzeugen. Manche Hundebesitzer fühlen sich davon angesprochen, andere abgestoßen. Doch weil wir (alle) davon ausgehen, unser Denken unter Kontrolle zu haben, hinterfragen wir selten die unbewussten Schlussfolgerungen, die aus den sprachlichen Metaphern entstehen.


Kein Änderungsbedarf?
Ja, es hat sich viel getan in der Hundewelt: Das Wissen über Hundeverhalten ist umfangreicher, die Trainingsmethoden sind insgesamt netter, die Hemmschwelle zu physischer Gewalt gegenüber Hunden höher geworden. Und doch kursieren die alten Konzepte – teils mit neuen Begrifflichkeiten – immer noch in den Medien und den Köpfen. Gerrit Stephan schreibt in seinem Artikel über die Auswirkungen eines falsch verstandenen Dominanzkonzepts und gleichzeitig von einer Gegenbewegung des positiven Hundetrainings, in der selbst der Begriff „Dominanz" abgelehnt wird/wurde. Es hat eindeutig eine Polarisierung stattgefunden - nur dass viele Hundehalter davon gar nichts bemerkt haben.
Wenn 80% unseres Denkens unbewusst abläuft, ist es kein Wunder, dass auch Konzepte über Hundeverhalten und -training eben nicht kritisch reflektiert werden. Für viele Hundehalter ist es z.B. kein Gegensatz, mit positiven Trainingsmethoden Verhalten zu trainieren und trotzdem davon auszugehen, dass in der Beziehung zum Hund immer die Chef-Frage im Raum steht. Sie kombinieren Clickertraining mit Techniken, die auf körpersprachlicher Einschüchterung basieren. Sie sehen keinen Widerspruch darin, ihren Hund als Familienmitglied anzusehen, ihn zu lieben, zu belohnen, aber eben auch „wenn nötig" zu bestrafen, damit er „nicht dominant" wird. Dass die einen diesbezüglich keinerlei Änderungsbedarf sehen, die anderen aber schon, führt zuweilen zu hitzigen Diskussionen und gegenseitigem Unverständnis.


„Wenn dein Baby nachts schreit, nimmst du es hoch?"
George Lakoff beschäftigte sich intensiv damit, woran es liegt, dass politisches Denken und Handeln in konservative und progressive Ansichten geteilt ist. Die Suche nach der passenden Frage für eine Meinungserhebung, die zwei grundlegend gegensätzliche Denkmuster abbilden könnte, führte ihn zu den Moralvorstellungen zweier gegensätzlicher Familienmodelle: Das konservative Modell mit einer Strenger-Vater-Moral und das progressive Modell mit einer Fürsorgliche-Eltern-Moral.
Die Erkenntnisse über diese physiologischen Unterschiede im Denken, die sich auf Wertvorstellungen und politische Ansichten auswirken, scheinen auch für den Umgang mit Hunden absolut relevant. Da Hunde als Mitglied der Familie angesehen werden, ist es nicht verwunderlich, dass sprachlich die gleichen Metaphern bedient werden. So erklärte Dr. Michael Winterhoff in seinem Buch den Eltern schon Jahre vor Michael Grewe den Hundehaltern, „Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden". Wer sich auch nur ein wenig mit Ratgebern zu Kinder- und Hundeerziehung beschäftigt, findet erstaunliche Parallelen.


Das Strenge-Vater-Modell
In Familien mit dieser Struktur gibt es ein Familienoberhaupt (i.d.R. den Vater), das über die legitime und unangefochtene Autorität verfügt. Die Aufgabe des Vaters ist es stark zu sein, um die Familie zu schützen; die Metapher „Moral = Stärke" spielt eine große Rolle. Der Vater muss außerdem Stärke im Wettbewerb mit anderen beweisen, um die Familie zu ernähren.
Verhalten wird in „richtig" und „falsch" eingeteilt, Ziel der Erziehung ist es, dem Kind den entsprechenden Unterschied mittels Belohnung und Bestrafung beizubringen. Dabei wird moralisches Verhalten belohnt, unmoralisches bestraft, Gehorsam gilt als moralischer Wert. Der Vater muss also aus Liebe und Verantwortungsbewusstsein dem Kind gegenüber auch Strafen einsetzen, selbst wenn es ihm widerstrebt, damit das Kind moralische Stärke entwickeln kann.


Das Fürsorgliche-Eltern-Modell
In Familien, die nach diesem Modell handeln, sind Einfühlungsvermögen und die Übernahme von Verantwortung die höchsten moralischen Prinzipien. Es ist die wichtigste Aufgabe der Eltern für das Kind zu sorgen, es zu fördern und es dazu zu erziehen, sich für andere einzusetzen, zu kooperieren und soziale Verantwortung zu übernehmen.
Statt hierarchischer Kommunikationsstrukturen steht der Dialog mit dem Kind im Vordergrund, wobei die Entscheidungsgewalt auch in diesem Modell bei den Eltern liegt. Laut Lakoff erkennen konservativ denkende Menschen oft nicht den Unterschied zwischen Nachgiebige-Eltern-Familien und Fürsorgliche-Eltern-Familien, weil es in beiden keine absoluten Verhaltensregeln gibt und sich moralisches Verhalten nicht durch Gehorsam ausdrückt. Statt dem „strengen Vater" zu gehorchen, erfordert moralisches Handeln im Fürsorgliche-Eltern-Modell das moralische Verstehen der Situation.


Verstehen der anderen
Wenn wir davon ausgehen, dass die Familienstruktur, in der wir aufgewachsen sind, unsere Gehirnentwicklung und unser Denken maßgeblich geprägt hat, wird klar, warum manche Hundebesitzer an der Dominanztheorie festhalten und Wissenschaftler bei Verhaltensbeobachtungen unbedingt nach Hierarchien suchen. Und es wird klar, warum „Dominanz" für andere ein solches Reizwort ist. Es erscheint nun logisch, warum manche Menschen sich sofort angesprochen fühlen, wenn man ihnen Alternativen zum Rudelführer-Denken anbietet. Und warum andere auch nach Jahren des Trainings in unserer Hundeschule plötzlich Bemerkungen machen wie „Der hat dich aber im Griff".
Wie wir das Verhalten unseres Hundes wahrnehmen, hat weniger mit der Realität des Hundes, sondern mehr mit den eigenen moralischen Werten zu tun. Auch das Wissen um tatsächliche oder vermeintliche Dominanzstrukturen unter Hunden und/oder Hunden und Menschen ist nebensächlich. Wissen allein verändert keine Denkprozesse, solange unbewusst aktive moralische Konzepte nicht aufgedeckt und reflektiert werden.
Das Wissen um die beiden gegensätzlichen Familienmodelle, die Sprache, Denken und Handeln von Hundemenschen mitbestimmen, kann uns aber dabei helfen, in Gesprächen und Diskussionen geduldiger zu bleiben. Ich finde es nämlich manchmal sehr mühsam zu erklären, warum weder meine Hunde noch mein Pferd etwas tun müssen, nur weil ich es möchte. Und warum es für mich keine Rolle spielt, mich „durchzusetzen", warum ich mir einen kooperativen Umgang mit meinen Tieren wünsche und warum sie deshalb nicht weniger gut erzogen sind oder sie sich gar unsicher fühlen müssen. Dank Lakoff kann ich nachvollziehen, welche Metaphern im Kopf meines Gegenübers vielleicht wirksam sind und es fällt mir leichter zu akzeptieren: Jemand anderes kann seinen Hund genauso lieben und doch alles anders sehen als ich selbst.


Buchtipp:
Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht
George Lakoff / Elisabeth Wehling
Carl-Auer Verlag, 2016‚ (4.Auflage), ISBN 978-3-8497-0141-3